Wir verwenden Cookies auf dieser Seite, die die Bereitstellung unserer Dienste erleichtern. Wie Sie einer Verwendung von Cookies widersprechen können erfahren Sie hier.
 

HIGH LIFE Heft 31 | Frühjahr 2013


© FOTO PAGANI

Götterdämmerung
PAGANI HUAYRA

Ein Besuch in der Automobil-Manufaktur von Pagani ist ein außergewöhnliches Erlebnis, vor allem wenn der neue Supersportwagen Huayra für eine exklusive Testfahrt zur Verfügung steht – unser Autor Christian Sauer hatte das Vergnügen.

TEXT: CHRISTIAN SAUER | FOTOS: PAGANI

Wir müssen schon zweimal hinschauen, um den Weg zu einem der exklusivsten Automobilhersteller der Welt zu finden. Versteckt im Gewerbegebiet von San Cesario sul Panaro, einem kleinen Vorort von Modena, auf halbem Weg zwischen der „Konkurrenz“ von Ferrari in Maranello und Lamborghini in Sant’Agata Bolognese, befindet sich der Firmensitz von Pagani Automobili. Bis auf die gläserne Fassade geradezu unscheinbar präsentiert sich das zweistöckige Gebäude, in dem der Argentinier Horacio Pagani mit seinem kleinen Team automobile Kunstwerke schafft. Der 57-jährige Designer und Konstrukteur kam bereits in den 1980er Jahren mit einem Empfehlungsschreiben von seinem argentinischen Landsmann, Rennfahrerlegende Juan Manuel Fangio, nach Italien und arbeitete unter anderem bei Lamborghini. Doch er konnte die damals finanziell angeschlagene Marke mit dem Stier als Wappentier nicht davon überzeugen, mehr Geld in die Entwicklung von Kohlefaserwerkstoffen zu investieren. So entschied er sich, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und gründete 1992 sein eigenes, nach ihm benanntes Unternehmen. Eine damals noch exotische Anschaffung war ein Autoklav-Ofen, in dem er nun selbst Carbonteile backen konnte. Damit war er ein Pionier dieser heute nicht mehr wegdenkbaren Technologie, die ihm Aufträge von Ferrari und seines alten Arbeitgebers Lamborghini einbrachte. Daneben nahm sich Horacio Pagani viel Zeit, um seinen Traum eines neuen Supersportwagens zu realisieren. Bis zum Ende des Jahrzehnts sollte es dauern, bis der Pagani Zonda C12 erstmals das Licht der Öffentlichkeit erblickte.

Es war ein Einstand nach Maß: Das Premierenwerk von Pagani hätte nicht spektakulärer sein können. Die Formensprache erinnerte an das aerodynamische Design der früheren Gruppe-CRennwagen und die Detailverliebtheit sowie der filigrane Charakter des überwiegend aus Kohlefaser bestehenden Straßensportwagens waren einzigartig. Die Qualität der Materialien und deren Verarbeitung ließen keine Zweifel an dem Perfektionismus von Horacio Pagani. Beim Antrieb setzte er von Beginn an auf eine Kraftquelle aus Deutschland – exklusiv liefert Mercedes-AMG seitdem V12 Power „Made in Germany“. Die Leistung stieg von anfangs noch unter 400 PS auf über 700 PS beim Zonda R. Kaufinteressenten hatten die Wahl zwischen dem Aufbau als Coupé oder als Roadster. Kein Exemplar glich dem anderen, jedes Fahrzeug war und ist ein individuelles Unikat, was die anspruchsvolle Kundschaft aus aller Welt zu schätzen weiß. Seine Leistungsfähigkeit stellte der Zonda auf der Nürburgring-Nordschleife mit einer Spitzenzeit von 6:47 Minuten eindrucksvoll unter Beweis. Wenn auch die Höchstgeschwindigkeit mit ca. 350 km/h hinter der des Bugatti Veyron zurückblieb, überholte er ihn zeitweise beim Anschaffungspreis. Unter einer Million Euro verließ am Ende der Produktion kein Zonda mehr die heiligen Hallen. Wie sollte das noch gesteigert werden? Die Antwort heißt Huayra.

 

Der ungewöhnliche Name steht in der Sprache südamerikanischer Indianer für den Gott des Windes und stellt so bereits eine Steigerung zum Zonda dar, der „nur“ nach einem Wind benannt war. Die Idee für dessen Nachfolger entstand bereits im Jahr 2003 und wurde unter dem Projektnamen C9 parallel zur Weiterentwicklung des Zonda vorangetrieben. Wieder nahm man sich viel Zeit, um das zweite Fahrzeug in der noch jungen Geschichte des Unternehmens zu perfektionieren. Wind war nicht nur der Namensgeber, sondern auch das Element, das den neuen Pagani in vielfältiger Form prägte. Moderne Flugzeugturbinen und -flügel inspirierten Horacio Pagani ebenso wie Leonardo da Vincis altes Credo, dass Kunst und Wissenschaft eine Einheit bilden sollten.

Der V12 Biturbo von Mercedes-AMG
leistet 730 PS bei 5800 Umdrehungen und 
bietet spektakuläre Fahrleistungen mit
einer Höchstgeschwindigkeit von 360Km/h.

 

Das Design mit Anleihen an seinem Vorgänger ist nicht nur atemberaubend, sondern beschert dem Huayra dank ausgeklügelten Details auch eine außerordentlich guten Aerodynamik. Der komplett verkleidete Unterboden mit Diffusor am Heck sorgt für Unterdruck und somit dafür, dass die nur 1,16 Meter flache Flunder bei höheren Geschwindigkeiten regelrecht am Asphalt zu kleben scheint. Auf einen großen Spoiler, der von oben Anpressdruck generiert, verzichtet Pagani und setzt stattdessen insgesamt vier sogenannte Flaps an der Front sowie am Heck ein. Die Klappen werden auf Basis verschiedener Daten wie Querbeschleunigung und Gaspedalstellung automatisch gesteuert. Blitzschnell stellen sie sich ab Tempo 80 bei Bedarf einzeln in den Wind, um den Luftfluss zu optimieren und möglichst viel Abtrieb zu erzeugen – aber eben nur, wenn dieser benötigt wird. Ähnlich wie die Airbrakes von Bugatti und McLaren unterstützen die Pagani-Flaps auch beim Verzögern. Die Hauptarbeit dabei übernimmt allerdings eine Carbon-Keramik-Bremsanlage von Brembo.

Wer einen Blick unter die riesige, sich gegenläufig öffnende Heckhaube wagt, findet dort nicht nur die zwei Gepäckabteile links und rechts in den Seitenschwellern vor der Hinterachse mit handgefertigten Lederkoffern, sondern auch das Herz des Pagani. Es ist ein V12 Biturbo mit sechs Liter Hubraum und einer maximalen Leistung von 730 PS bei 5800 Umdrehungen. In Verbindung mit dem geringen Leergewicht von lediglich 1 350 kg garantiert der Zwölfzylinder von Mercedes-AMG spektakuläre Fahrleistungen. Bis Tempo 100 sollen nur 3,3 Sekunden vergehen, bis 200 sind unter 10 Sekunden angesagt und ca. 360 km/h Spitze wären theoretisch möglich – allerdings nicht hier in der norditalienischen Provinz. Doch auch ohne Topspeed versprechen die außergewöhnlichen Zutaten ein Fahrerlebnis der besonderen Art.

 
Im Cockpit setzen das sichtbare Carbon des Monocoques sowie leichtere Materialien wie Titan und bestes Aluminium aus dem Flugzeugbau einzigartige Akzente.

Garniert wird es vom äußerst hochwertigen Qualitätseindruck der erlesenen Materialien und deren peniblen Verarbeitung. Das spüren wir bereits, als die weit aufschwingenden Flügeltüren den Blick ins Cockpit freigeben. Es offenbart sich eine automobile Traumwelt mit kreativem Styling. Die Basis bildet das ebenso leichte wie hochstabile Rückgrat des Huayra, ein Kohlefaser-Monocoque. Zusammen mit dem sichtbaren Carbon bilden andere, sehr leichte Materialien wie Titan und bestes Aluminium aus dem Flugzeugbau ein exklusives Ambiente. Ähnlich wie beim Bugatti Veyron sind alle Komponenten spezielle Sonderanfertigungen und so in keinem anderen Fahrzeug wiederzufinden. Doch im Vergleich zum Ausnahmesportler des VW-Konzerns mit seinem sehr schlichten Interieurdesign bietet der Pagani auch innen einen echten Wow-Effekt. Die Mischung aus Retro und Postmoderne mag vielleicht nicht jedem zusagen, aber passt unserer Meinung nach ausgezeichnet zum Exterieur des Huayra. Unumstritten ist die herausragende Haptik: Das sehenswerte Ensemble von Kippschaltern hat dieses typisch mechanische Klicken; jede Naht des feinen Leders sitzt perfekt und möchte berührt werden – es ist ein Fest für alle Sinne.

Trotz der omnipräsenten Leichtbau-Philosophie von Horacio Pagani ist der Huayra dennoch alles andere als ein Asket. An Bord gibt es neben einer Klimaanlage auch ein Soundsystem samt Navi. Obwohl ein Hang zur Verspieltheit nicht zu bestreiten ist, gelingt die Bedienung nach einer ersten Orientierung problemlos. Die wichtigsten Funktionen kann der Fahrer wie bei Ferrari vom Lenkrad aus bedienen. Pagani verzichtet allerdings auf einen Start-Knopf und inszeniert stattdessen den Zündschlüssel aus Alu in Form der Huayra-Karosserie als zentrales Kunstelement in der Mittelkonsole. Ebenfalls eine Reminiszenz an die automobile Tradition ist die „offene Schaltkulisse“, auf die viele Supersportwagen mit automatisiertem Getriebe und Schaltpaddel heutzutage verzichten. Die hat der Huayra zwar auch hinterm Lenkrad, aber dennoch gibt es für das sequenzielle 7-Gang- Getriebe einen Schalthebel an gewohnter Stelle und die transparente Technik lässt sich kaum attraktiver präsentieren.

Die Vorbereitungen sind getroffen und unsere Erwartungen hoch. Überraschend zurückhaltend gibt sich nach dem Start des Zwölfzylinders der Sound aus der Titan-Auspuffanlage. Das Ensemble mit vier im Quadrat angeordneten Endrohren ist inzwischen ein Markenzeichen von Pagani geworden und garantiert einen hohen Wiedererkennungswert von der Perspektive, wie er zumeist gesehen werden wird – nämlich von hinten. Doch wir lassen es besonnen angehen und genießen den Komfort des Huayra. Der Automatikmodus legt die Gänge weich und zügig ein, die Sportsitze sind bequem und bieten zugleich einen guten Seitenhalt. Die Ergonomie passt und das Platzangebot hat im Vergleich zum Zonda zugelegt, da die gläserne Kanzel für Pilot und Co-Pilot länger und breiter geworden ist. Länger und breiter sind ebenso der Radstand bzw. die Spur, was dem Fahrverhalten des Huayra zugute kommt. Das adaptive Fahrwerk lässt sich per Liftfunktion anheben und auch die mechanischen Komponenten können sich sehen lassen. Liegend angeordnete Pushrod-Aufhängung gibt es wegen der aufwändigen Konstruktion meist nur im Rennsport und in einer Handvoll extremer Supersportwagen mit Straßenzulassung zu bestaunen. Geschmeidig gleitet der Huayra bei niedrigen Geschwindigkeiten dahin und selbst mit Zunahme der Tempos verliert er seine Contenance nicht. Wer einen brettharten und zickigen Racer sucht, ist bei Pagani falsch.

 
Die nur 1,16 Meter flache Rennflunder wird förmlich auf den Aspalt gepresst.

Ausgeglichen und harmonisch ist der Huayra abgestimmt, was das Fahren sehr angenehm macht. Passend dazu entfaltet das Triebwerk seine enorme Leistung linear und ohne überraschenden Punch durch plötzlich einsetzende Turbolader. Das enorme Drehmoment von 1000 Nm Drehmoment ab 2250 Touren bietet nahezu permanent Kraft im Überfluss, die nur darauf wartet, durch das Antippen des Gaspedals abgerufen zu werden. Das reicht schon aus, um einen mächtigen Satz nach vorn zu machen. Spontan reagiert der Motor selbst auf kleinste Gasbefehle und will endlich beweisen, welches Potenzial in ihm steckt.

Das perfekt abgestimmte Gesamtpaket weckt geradezu das Begehren, noch schneller zu fahren. Schaltung, Fahrwerk, Lenkung, Bremsen und dazu diese beeindruckende Klangkulisse, die an Intensivität proportional zum Abruf der Leistung zunimmt – was will man(n) mehr?! Vielleicht doch eine noch schärfere Version, die erfahrende Piloten richtig fordert oder einen offenen Huayra Roadster? Betrachtet man die Entwicklungsgeschichte des Zonda, scheint nichts unmöglich. So oder so müssen Kaufinteressenten mit einem Investment von mindestens einer Million Euro und langen Wartezeiten rechnen. Die Detailverliebtheit und der hohe Anteil sorgfältiger Handarbeit haben eben ihren Preis.

Die derzeitige Jahresproduktion von rund zwanzig Wagen soll mit Fertigstellung einer zusätzlichen Werkshalle und Vergrößerung des Teams allerdings auf 40 bis 50 gesteigert werden. An der Exklusivität des Huayra, dem zweiten Meisterstück von Horacio Pagani, wird das nichts ändern – es ist eines der bemerkenswertesten Automobile unserer Zeit.

 http://www.pagani.com

Die aktuelle HIGH LIFE Ausgabe 11/2012, Heft 31, erhalten Sie in unserem Online-Shop, einfach auswählen und bestellen, oder genießen Sie HIGH LIFE dreimal im Jahr im kostengünstigen Abonnement frei Haus.

ANZEIGE


Frühling auf Mallorca Attraktive Angebote für das Castel Son Claret» Zum Angebot...

Coquillade Village, LuberonDZ ab 250.-» Zum Angebot...

Villa Belrose St TropezAttraktive Angebote» Zum Angebot...

Vakkaru MaldivesAttraktive Eröffnungsangebote!» Zum Angebot...