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HIGH LIFE Heft 32


© FOTO Rolls-Royce

„Morgens in abenteuerlichen Maschinerien,
abends als Gentleman in feinsten Clubs“

Charles Rolls inspirierte das Design-Team hinter dem neuen Rolls-Royce Wraith, wie uns Andreas Thurner, der leitende Concept Exterior Designer, im Exklusiv-Interview verriet.

Der jüngere Geschäftspartner von Sir Henry Royce, Charles Rolls, war bei der Firmengründung erst 25 Jahre alt. Er war ein absoluter „Petrol-Head“, ein Rennfahrer, Motorradfahrer und Pilot. Er war ein Pionier und der erste Mensch der den Britischen Kanal hin und zurück an einem Stück überflogen hat, leider starb er schon im Alter von 32 bei einem Flugzeugabsturz. In kürzester Zeit war Rolls zuvor zu einem der wichtigsten Vertreter der Automobilisten des Royal Automobil Clubs aufgestiegen. Genau diese zwei Welten wollten die Designer in dem Rolls-Royce Wraith verbinden. „Morgens in abenteuerlichen Maschinerien und kurz darauf auf der Türschwelle des Clubs in Pall Mall als Gentleman.“

INTERVIEW Thomas Klocke | FOTOS Rolls-Royce

Interview mit Andreas Thurner, Concept Exterior Designer Rolls-Royce

Herr Thurner, Sie sind mit dem Rolls-Royce Ghost und der Phantom-Series-II-Familie am aktuellen Erscheinungsbild der Marke Rolls-Royce beteiligt. Nun zeichnen Sie als Exterior-Design-Projektleiter des neuen Rolls-Royce Wraith verantwortlich. Was bedeutet es, für Rolls-Royce zu designen?

Es hat für das ganze Team eine sehr große Bedeutung, für diese Marke zu gestalten. Wir stehen im regen Kontakt zu begeisterten Eigentümern und Enthusiasten, die selbst oder durch deren Familien seit über 100 Jahren mit unserer Marke verbunden sind. Oft besitzen sie noch das erste Modell. Damit verbunden sind unzählige Geschichten und auch Persönlichkeiten. All das verlangt einen sehr respektvollen Umgang mit der Marke. Gleichzeitig ist Kern der Marke Rolls-Royce das Streben nach Perfektion und den besten und zukunftsweisenden Lösungen. Zeitlos und gleichzeitig hoch innovativ.

  Was inspiriert Sie für Ihre Arbeit bei Rolls-Royce?

Es sind immer Charaktere, die mich inspirieren. Wenn mich eine Figur gefangen nimmt, dann kann ich nachforschen und in dessen Geschichte und Kontext eintauchen.
Es war zum Beispiel ein Foto von Don Carlos de Salamanca, aufgenommen im Jahr 1913, welches mir als Quelle der Inspiration für den Rolls-Royce Ghost gedient hat. Diese Aufnahme entstand unmittelbar nach Salamancas Sieg des 190 Meilen langen spanischen Comprix in einem Rolls-Royce Ghost! Er zeigt keine Spur von Ermüdung! Seine Haltung, die Achtung und Aufmerksamkeit in seinem Blick, dieser Stil, Bewusstsein, Stolz ohne jegliche Arroganz. Sehr fokussiert, ohne aggressiv zu wirken!
Der neue Ghost sollte genau diesen Blick erben – jedes Detail sollte nach diesem Grundsatz gestaltet sein. Das Bild hat fünf Jahre in unserem Büro gehangen ... bis der Ghost 2009 zum ersten Mal in London an uns vorbeigefahren ist. Für die Phantom-Series-II-Familie hat Sir Henry Royce persönlich Pate gestanden. Auch hier ist es vor allem der Blick! Sehr reif, formal, fast schon weise – sehr souverän in sich ruhend. Auch der Perfektionismus des Mitbegründers unserer Marke ist inspirierend.

Was hat Sie und ihr Team für den Rolls-Royce Wraith inspiriert?

Der Wraith ist ein völlig neuer Charakter innerhalb unserer Familie. Es würde der stärkste und schnellste Rolls-Royce aller Zeiten werden, so viel wussten wir vom ersten Tag! Das hat uns alle natürlich sehr begeistert. Wir wissen um die großen Verdienste von Rolls-Royce um Geschwindigkeitsrekorde. Wir wissen um den R-Engine, den Royce entwickelt hat und der dann zum Merlin weiter entwickelt wurde, der die berühmte Spitfire angetrieben hat. Es gibt hier also eine ganze Bücherei von Inspirationen aus dem Maritimen und der Luftfahrt.
Es war auch wieder eine Persönlichkeit, die wir im Kopf hatten, als wir am Wraith arbeiteten. Es war der jüngere Geschäftspartner von Sir Henry Royce, Charles Rolls. War Royce bei der Firmengründung schon Anfang 40, so war Rolls erst 25 Jahre alt. Rolls besaß zu diesem Zeitpunkt schon 25 eigene Fahrzeuge! Er war ein absoluter „Petrol-Head“, ein Rennfahrer, Motorradfahrer und Pilot. Er war ein Pionier und der erste Mensch, der den Britischen Kanal hin und zurück an einem Stück überflogen hat. Leider war er auch der erste Engländer, der schon im Alter von 32 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. In kürzester Zeit war Rolls zuvor zu einem der wichtigsten Vertreter der Automobilisten des Royal Automobil Clubs aufgestiegen. Genau diese zwei Welten wollten wir im Rolls- Royce Wraith verbinden. „Morgens in abenteuerlichen Maschinerien und kurz darauf auf der Türschwelle des Clubs in Pall Mall als Gentleman.“ Der Wraith beschreibt die Dualität dieser beider Welten! Wenn man Fotos von Rolls sieht, erkennt man diese Leidenschaft, versehen mit Etikette.

Wann haben Sie das erste Mal davon erfahren, dass Sie und Ihr Team für den Entwurf des neuen Rolls-Royce Wraith verantwortlich zeichnen?

Wir haben 2008 in Los Angeles mit der Arbeit am Wraith begonnen und damals bereits Proportionen und architektonische Themen ausgearbeitet. Entscheidender Input kam vom gesamten Team, bis das Design final ausgearbeitet war. Später kam entscheidender Input von anderen Designern aus dem Team und wir haben das Design als Team finalisiert.
Ich denke, Sie könnten jedem einzelnen Entwickler, Handwerker und Gestalter diese Frage stellen und bekämen eine ähnliche Antwort: Jeder Beteiligte hat zu diesem außergewöhnlichen Fahrzeug beigetragen und steht mit Begeisterung dahinter seit dem Tag, an dem er an diesem Projekt zu arbeiten begann. Für das Design fundamentale Themen sind nur durch die außergewöhnlichen handwerklichen Fähigkeiten unserer Craftsmen in Goodwood möglich. So entsteht ein Entwurf immer in enger Zusammenarbeit und dem Glauben an das eigene Team und daran, dass Dinge möglich sein werden, die vorher als unmöglich galten.

Waren Sie sich der großen Bedeutung der Aufgabe sofort bewusst oder mussten Sie das erst einmal auf sich wirken lassen?

Jeder einzelne Rolls-Royce ist etwas ganz Besonderes und verlangt nach genau dieser Aufmerksamkeit. Circa 90 Prozent aller je gebauten Rolls-Royce sind immer noch in Betrieb. Das heißt: Die Chance, dass ich in 50 Jahren eines der heutigen Modelle sehe, ist gar nicht so klein.

Wie groß ist Ihr Design-Team und wie sind Sie an die Aufgabe herangegangen?

Insgesamt besteht unser Team unter Leitung von Design-Chef Giles Taylor aus rund 15 Designern, aufgeteilt in ein Studio in Goodwood und eines in München. Diese sind spezialisiert auf Exterior und Interior Design, Farb- und Materialdesign sowie Bespoke Design. Eine ganz besondere Herangehensweise, die Rolls-Royce auszeichnet, sind die Design-Klausuren. Hierbei geht es darum, für bestimmte entscheidende Phasen Freiraum zu schaffen und Abstand zu gewinnen von unserem täglichen Umfeld. Für den Phantom war unser Refugium eine ehemalige Bank im Herzen von London, für den Ghost ein Landhaus aus dem 16. Jahrhundert im Süden Englands. Für den Wraith sind wir als Team nur mit Papier und Stift in ein 1241 Jahre altes Kloster auf einer Insel gezogen. Ziel ist es, in aller Ruhe zu zeichnen und zu diskutieren. Es geht immer darum, etwas Neues zu schaffen, einen starken Charakter. Wir sind auf der Suche nach dem Original!

Werden die ersten Skizzen noch klassisch mit einem Stift auf einem weißen Blatt Papier gefertigt oder beginnen Sie Ihre Arbeit gleich mit Computer-Aided-Design-Programmen?

Das kommt ganz auf die Situation an und auch auf den Designer. Ich zeichne meistens meine Skizzen noch von Hand auf Papier. Manchmal starte ich gleich virtuell, um dann schneller variieren zu können. In jedem Fall versuchen wir, das Beste der realen und der virtuellen Welt zu verbinden.

Im Jahre 1938 gab es schon einmal ein Rolls-Royce-Modell mit dem Namen Wraith. Gibt es irgendwelche Vergleiche?

Der 1938 Wraith wurde als Verbindungsglied entwickelt zwischen dem luxuriösen Phantom III und dem agileren und kleineren Vorgänger, dem Rolls-Royce 25/30. Es gibt auch Anleihen an den damaligen Charakter: So verband der Wraith schon damals dynamische Power mit dem unverwechselbaren Rolls-Royce-Luxus.

  Was war für Sie die größte Herausforderung, die Sie mit Ihrem Team bei dem Concept Design zu lösen hatten?

Es ist sehr wichtig, die Proportionen und den Stand zu perfektionieren. Dies gilt erst einmal für jeden Rolls-Royce. Aus jeder Perspektive und in jeder Entfernung muss man einen Rolls-Royce klar am Stand erkennen können. Nun wird es komplexer. Der Stand alleine soll nicht nur Rolls-Royce erkennen lassen, sondern um welchen Charakter es sich handelt. Wenn wir über den Wraith sprechen, also unseren Sprinter, den Gentleman und Pioneer mit sehr starkem, eigenständigem Charakter, so bedeutete dies eine breitere Spur hinten und einen kürzeren Radstand gegenüber dem Ghost. Eine flachere und schnellere Silhouette und eine längere Haube mit tief zurückversetztem Grill. Das Coupédach sitzt knackig auf der Hinterachse. Es handelt sich beim Wraith um einen GT im eigentlichen Sinn – um einen vollen 4-Sitzer (kein 2+2) mit dem entsprechenden Raumangebot im Kofferraum. Enorm wichtig ist, dass man in einen Rolls-Royce aufsteigt. Somit hat man diese besondere, übersichtliche Fahrerposition. Besonders wichtig ist es dann, den Wraith leicht und trainiert zu gestalten. Eher wie ein Gleiter angehoben und schlank, nicht wie ein Supersportler tief und flach. Diese dynamischen Werte eines Supersportlers erreicht er sowieso, elegant!

Wie würden Sie ein perfektes Exterieur-Design definieren? 

Wenn es perfekt balanciert ist. Wenn es nicht mehr zu sein versucht als das, was wirklich darunter steckt, gleichzeitig das, was darunter steckt, adäquat kommuniziert. Wenn man einem Fahrzeug ansieht, dass es eine Harmonie gibt zwischen den Proportionen, den Flächen und Design-Themen und den Details, ist es wohl einer Perfektion sehr nahe. Wenn diese einzelnen Disziplinen sehr gut gemacht sind, sich aber so zurücknehmen, wie die besten Musiker in einem Orchester, dann wird aus einzelnen Harmonien eine Symphonie.

Gibt es ein Detail, das Sie persönlich für besonders gelungen halten?

Es gibt eine Reihe von Details, die stark sind. Ich mag sehr die Dreiviertel-Heckansicht. Die Gestaltung erinnert an handgefertigte Coach-Build-Qualitäten. Haute-Couture anstatt Massenproduktion. So würde es nur Rolls-Royce machen. Speziell in Zwei- Farb-Lackierung wirkt es sehr maritim.

Es heißt, selbst die „Spirit of Ecstasy“ sei eigens für den Wraith modifiziert worden. Können Sie uns dazu etwas Näheres sagen?

Die Spirit of Ecstasy ist von Anfang an fester Bestandteil in der Gestaltung. Sei es bei Zeichnungen oder bei ersten Modellen. Sie hat einen wesentlichen Anteil auf die Wirkung unserer Proportionen. Sie zieht das Auge auf sich, somit die gesamte Front nach vorne und oben. Dies führt unter anderem dazu, dass ein Rolls- Royce erhaben, wie auf einer Wolke schwebend wirkt. Es ist also ein sehr sensibles Detail. Für den Wraith haben wir die SOE weiter nach vorne gezogen, um den stärksten jemals verbauten Motor entsprechend Raum zu geben. Zusätzlich haben wir die SOE etwas nach vorne verdreht. Sie steht also schneller und wirkt, als wäre sie bereit für Wind und Geschwindigkeit.

 

Der Wraith ist der stärkste Rolls-Royce aller Zeiten. Welche Bedeutung spielt beim Design z.B. die Aerodynamik?

Der Wraith legt sich lang in den Wind – ähnlich einer Oyster-Segelyacht. Die Architektur entspricht einem Rumpf, der durch seine Seitenwände gehalten wird. Wir haben den Wraith sozusagen um die Trennlinie von Rumpf und Seitenwand gestaltet, um eine  natürliche Farbtrennung zu gewährleisten. Die Waftline, die vorne in der Coachtür beschleunigt und dann mit voller Kraft entlang der Fastback-Linie nach hinten zieht, wirkt zusammen mit der Schulterlinie wie ein Pfeil mit Bogen. Sehr viel Bewegung! Die Luft liegt entlang des schnellen Daches komplett an. Durch den leichten Anzug der Abrisskante erreichen wir ausreichend Druck auf der Heckachse, Stabilität und einen sehr hohen Fahrkomfort.

Wo sind die wichtigen Schnittstellen zwischen Interior und Exterior Design?

Wir arbeiten eng mit unseren Kollegen vom Interior Design zusammen. Ein sehr wichtiger Punkt, an dem wir Hand in Hand arbeiten, ist zum Beispiel der Einstiegsbereich der Coachtür. Schon wenn sich die beeindruckende Tür öffnet, erlebt der Fahrer bzw. Beifahrer etwas sehr Besonderes. Er schreitet über die Schwelle in eine eigene Welt. An dieser Schwelle übergebe ich von Exterior zum Interior. Alles wirkt wie aus einem Guss und macht schon den Einstieg unvergesslich. Genau diese sekundären Bereiche, die man nicht sieht von außen oder von innen, wenn die Türen geschlossen sind, machen die Qualität aus, um die wir uns sehr bemühen.

Wenn man so ein bedeutendes Projekt wie das Design des Wraith erfolgreich absolviert hat, steht man doch auf dem Olymp des modernen Automobil-Designs. Was kann danach noch an Herausforderung kommen?

Grundsätzlich ist es für einen Designer sehr spannend, Produkten einen ausdrucksstarken Charakter zu verleihen. Diese Herausforderung gibt es nicht nur in unserer Industrie, sondern überall da, wo gestaltet wird.

Ich bin sehr glücklich, dass ich in den letzten neun Jahren eine Reihe von Fahrzeugen für diese wundervolle Marke gestalten und mit einem hervorragenden Team in Serie bringen konnte. Ich habe Menschen getroffen, die mich nicht nur fachlich, sondern auch über das Berufliche hinaus geprägt haben. Dafür bin ich sehr dankbar!

Nun freue ich mich sehr auf eine neue Herausforderung als Leiter Design für Innovationen, Forschung und Vorentwicklung der BMW Group in München. Ich werde eng mit den unterschiedlichen Bereichen des Unternehmens zusammenarbeiten und so auch Rolls-Royce von einem anderen Blickwinkel aus neu kennenlernen.

 

EIN ENTWURF ENTSTEHT IMMER IN ENGER ZUSAMMENARBEIT
UND DEM GLAUBEN AN DAS EIGENE TEAM UND DARAN, DASS DINGE
MÖGLICH SEIN WERDEN, DIE VORHER ALS UNMÖGLICH GALTEN
.

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