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Yachting & Style Heft 24


FOTO © Rolex/Carlo Borlenghi

MIT ITALIENISCHER GRANDEZZA

„Importance and size are brothers“, meinte Harold Stirling Vanderbilt einmal zum Zusammenhang von Macht und Größe. Der vermögende Erbe amerikanischer Eisenbahnlinien vergnügte sich in den 1930er Jahren mit der Verteidigung des America’s Cup. Die Trophäe wurde damals mit riesig großen Rennyachten ausgesegelt. Vanderbilt war also im Thema und wusste: Schiere Größe steht für Macht.

TEXT Erdmann Braschos

 Nach diesem uramerikanischen Think-Big-Konzept entstehen seit Jahrzehnten in der toskanischen Yachtbaumetropole Viareggio gigantische Segelschiffe, die auf zahlreichen Decks einen sonst nur bei Motoryachten möglichen Komfort bieten. Von angenehm luftigen Sitzgelegenheiten auf dem Vordeck über die Beletage der Flybridge, großzügigen Kajüten für den Eigner, seine Familie und die Crew bis hin zum wind- und sonnengeschützten Achterdeck zum abendlichen Abchillen.

Meist sind es 50 oder 60 Meter lange Dreidecker, die von endlos himmelwärts ragenden Masten überragt werden. Man sollte bei einer Besichtigung des Darsena Europa in Viareggio oder eines Hafens, wo diese Giganten liegen, nicht den Fehler machen, und ihnen zu nahe kommen. Beim Versuch, ihre Größe zu erfassen, kommt es rasch zur Nackenstarre. Die Takelage der meist gebauten „mittelgroßen“ zweimastigen Ketschen ragt 40 bis 60 Meter über das Wasser.

Bei der im vergangenen Jahr aufgetakelten 50 Meter langen „Enterprise“ handelt es sich um ein Mittelklassemodell der Werft. Dessen 430 Tonnen werden von 1400 Quadratmetern am Wind bewegt und bei Flaute von zwei MTU-Dieseln mit jeweils tausend PS auf 12 Knoten Reisegeschwindigkeit gebracht. Dank der Perinitypischen Kielschwert-Konfiguration bleibt der Tiefgang am Liegeplatz bei erträglichen vier Metern. Er streckt sich beim Segeln mit abgesenktem Ballastschwert auf annähernd zehn.

Interessanter als diese Eckdaten ist jedoch das beeindruckende Platzangebot: Dem Eigner, seiner Familie oder Gästen stehen 134 Quadratmeter Wohnfläche unter Deck zu Verfügung. Mit zehneinhalb Metern Breite ist beispielsweise die „Enterprise“ eine Wide Body und der Eignerbereich befindet sich mittschiffs, also im geräumigsten und ruhigsten Bereich des Schiffes. Die Flybridge bietet 96 Quadratmeter, der Innensteuerstand mit angrenzendem Salon hat 115 Quadratmeter. Die Crew kann sich auf knapp 80 Quadratmeter zurückziehen. Diese Flächenangaben sind die eigentlich interessanten und überzeugenden, wenn es um entspanntes Bordleben geht. Wohlgemerkt bei einer „mittelgroßen“ Perini. Die Einsteigermodelle sind 30 bis 40 Meter lang. Übrigens möchte die Werft ihrem derzeitigen Flaggschiff, der vielbeachteten 88 Meter langen „Maltese Falcon“, eine größere, über hundert Meter lange Schwester mit entsprechend mehr Komfort folgen lassen.

Eigner, denen zu Hause reichlich Platz zur Verfügung steht, erwarten diesen halt auch an Bord. Deshalb sind Perinis großzügig konzipierte schwimmende Villen. Die schiere Größe der Yachten ist also kein Selbstzweck, von der Repräsentation einmal abgesehen. Denn wer möchte nicht das größte und coolste Schiff mit dem höchsten Mast im Hafen oder der Ankerbucht besitzen?

Perinis laufen für vermögende wie einflussreiche Eigner vom Stapel. Meist sind es vielseitig beanspruchte Geschäftsleute. Denen ist es wichtiger, nach zügiger Fertigstellung ihrer neuen Yacht eine gute Zeit an Bord zu verbringen, statt diese als zeitintensives Projekt mit endlosen Terminen neu zu erfinden. Eine Perini muss genau die ihr zugedachte Funktion im Leben des Eigners erfüllen. Er möchte den August in kroatischen Gewässern, im toskanischen Archipel, an der türkisfarben schillernden Costa Smeralda vor Sardinien verbringen oder zu einer Art Privatkreuzfahrt zur Karibik und fernere Regionen ablegen. Ein Perini-Eigner verzettelt sich nicht. Früher hätte man Perinis als Motorsegler bezeichnet. Doch sind es mehr als Motoryachten mit Segeloption. Dazu ist ihre Takelage zu effizient.

  Außerdem hat die Werft die Segelleistung in Zusammenarbeit mit namhaften Konstrukteuren wie Ron Holland und dank Umstellung von Stahl auf Aluminiumbauweise deutlich verbessert. Im vergangenen Jahr entstand in Zusammenarbeit mit dem Mailänder Büro Nauta sogar ein 72 Tonnen verdrängender, 30 Meter langer Einmaster aus Faserverbundwerkstoffen. Die Zahl der Schwesterschiffe wird zeigen, ob es bei diesem Versuchsballon bleibt.

Perini Navi Yachten sind ein cleverer Crossover aus Motor- und Segelyacht, cool gestylt mit ihren windschlüpfrigen, panoramaverglasten Aufbauten. Sie sind Idee und ständig weiterentwickelte Kreation von Fabio Perini, eines toskanischen Fabrikanten, der bereits als junger Mann mit seinem ersten Patent für die Papierverarbeitung den Grundstein für einen außerordentlichen geschäftlichen Erfolg legte. 1973 firmierte sein Betrieb zur Herstellung von Papiermaschinen als Aktiengesellschaft. Mit zahlreichen internationalen Niederlassungen wurde die Markführerschaft auf souveräne 75 Prozent ausgebaut. 1994 verkaufte Perini die Firma an die Hamburger Körber AG, um sich auf sein Steckenpferd zu konzentrieren, die zwischenzeitlich gegründete Perini Navi Werft. Bereits anfang der achtziger Jahre hatte Perini über eine komfortable Segelyacht für sich nachgedacht. Sie sollte groß genug sein, um die Familie, Freunde und auch mal Geschäftspartner mitzunehmen. Und er wollte sie ohne zahlreiche wie lästige Mannschaft selbst segeln können. Damals, als eine 20 Meter lange Yacht als groß galt, plante Perini einen 40-Meter-Segler. Die entscheidende Hürde war die crewintensive Handhabung der Segelfläche. Perini löste die Aufgabe wie zuvor in der Papierherstellung. Mit eigenen Ideen und einer Pionierleistung.

1983 gründete er ein Ingenieurbüro zur Entwicklung der entscheidenden Komponente. Perinis Schotautomat wurde zum Schlüssel für den Betrieb großer Segelyachten. Das Schiff dazu, seine „Aleta“, einen eleganten Zweimaster mit kühn geneigtem Bug und traditionellem Yachtheck, ließ der Tüftler damals bei einer venezianischen Werft nach den Plänen eines angesehenen amerikanischen Konstrukteurs schweißen. Die Aufbauten erinnerten eher an eine Motor- denn an eine Segelyacht. Gesegelt wurde das Gefährt aus einem oben offenen Steuerstand mit dahinter angeordneter Polstergarnitur. So ein „unseglerisch“ komfortables Arrangement kannte man von der Flybridge großer Motoryachten. Und wie bei Motoryachten saß man abends im Hafen auf dem windgeschützten Achterdeck mit Blick auf die Promenade.

Mit dem 350 Kilo schweren Prototyp der selbststauenden Winsch im Format einer Kühltruhe hatte Perini den ersten Schritt zur automatisierten Segelyacht mit diskreten Helfern getan. Im Prinzip funktionierte der hydraulisch angetriebene und pneumatisch gesteuerte Apparat wie die Seilwinde eines Baukrans mit zunächst noch gefährlichen Drahtschoten. Zug um Zug perfektionierte der toskanische Tüftler ihn zum kleineren, leichteren und fehlbedienungssicheren Segelhelfer, sicherte ihn mit zahlreichen Sensoren ab und ergänzte ihn schließlich mit modernem Kevlaroder Spectratauwerk.

Heute ist eine aktuelle mittelgroße Perini-Ketsch mit einem Dutzend solcher selbststauenden Schotautomaten, fünf herkömmlichen unter Deck versteckten Motorwinschen, zwei an Deck sichtbaren und zwei Winschen zum Vertäuen des Hecks unterwegs.

In den achtziger Jahren wurde dann aus dem privaten Spleen des Fabrikanten schließlich jene Werft in Viareggio, wo die großen Pötte heute Jahr für Jahr beinahe in Serie entstehen. 1990 hatte Perini elf Yachten bis zu 48 Meter Länge, darunter eine für Fürst Rainier von Monaco, geliefert. Bis 2000 waren es elf, darunter Silvio Berlusconis erste Perini, die 40 Meter lange „Principessa Vaiva“. Zehn Jahre später folgten 23 Perini-Segler, darunter Rupert Murdochs 48 Meter lange „Morning Glory“, die 2006 durch die 56 Meter lange „Rosehearty“ ersetzt wurde. Das yachtbaulich interessanteste Schiff jener Jahre war „Maltese Falcon“ für den kalifornischen Risikokapitalunternehmer Tom Perkins. Er hatte zuvor mit „Andromeda la dea“ bereits eine andere Perini, ein 43-Meter-Modell, Baujahr 1987, gesegelt.

Nun weiß der clevere Fabrikant Perini, dass Millionäre ungern warten. Deshalb finanziert Perini die Rohbauten und damit etwa ein Drittel des gesamten Schiffes einfach vor. So schweißt die Werft die Schiffe quasi auf Vorrat, lastet damit ihren rund laufenden Betrieb aus und hat immer ein, zwei Kaskos zur Ansicht und Vereinbarung des individuellen Innenausbaues bis zur nächsten Segelsaison in der Halle stehen. Dieses sonst bei Motoryachten mittlerer Größe übliche Kalkül ging für die Perini Werft immer auf. Im Nischenmarkt sehr großer Segelyachten ist es einmalig.

1987 gründete Perini im türkischen Tuzla bei Istanbul eine Tochter zur Fertigung der Rohbauten und zwar zunächst in Stahl, neuerdings Aluminium, die bis heute am Ligurischen Meer zu den Perini-Yachten veredelt werden. Besserwisser, die meinten, die türkischen Metallbauer seien als Billigheimer nur zu kruden Erzeugnissen fähig, sind spätestens seit der vielbeachteten „Maltese Falcon“ eines Besseren belehrt. Dieser 88 Meter lange, über tausend Tonnen schwere Dreimaster mit 2400 Quadratmetern Tuch an frei stehenden Masten entstand der Größe halber komplett in der Türkei. Das Schiff mit dem konzeptionell interessanten, technisch anspruchsvollen Dynarigg verblüffte die Fachwelt. Obwohl dieser Schlitten bereits 2006 aufgetakelt wurde, erscheint der futuristische Segelroboter mit den drei kühn frei tragenden Masten immer noch eher wie ein Gruß aus der Zukunft, ein Rendering, als wie ein reales Boot.

 

Fabio Perini, seine Ingenieure und Yachtbauer haben in den vergangenen drei Jahrzehnten eine von Neidern lange skeptisch beobachtete Pionierleistung im Bau sehr großer Segelyachten vollbracht. 50 Prozent Marktanteil weltweit bei den sehr großen Segelyachten, Eigner, die sich wiederholt für Perini-Yachten entscheiden, und die Tatsache, dass derzeit sechs Schiffe von 40 bis 70 Metern Länge entstehen und außerdem vier Projekte von 56 bis 102 Metern in der Pipeline sind, sprechen für sich. Von der gestalterischen Grandezza, der Bordlebensqualität und nicht zuletzt den Segeleigenschaften machen sich Interessenten am besten während des Charters einer Perini-Yacht ein Bild.

Zur Handhabung sei verraten, dass es ein etwas abstraktes Vergnügen ist, einige Meter über dem Meer auf der Flybridge stehend solch einen Giganten mit Joysticks zu segeln. Es geht wirklich nichts mehr von Hand. Das gesamte Segelmanagement, so muss man es nennen, wird von leise summenden Helfern ausgeführt. Man muss bloß die richtigen Knöpfe und Joysticks finden und sie auch richtig bedienen. Es ist ungefähr so, als hätte man einen neuen Computer oder ein neues Handy. Es braucht eine Weile, bis man damit vertraut wird. Aber dann mag man ihn nicht mehr missen.

Für den Genießer, der gern ohne störende Motorengeräusche und lästige Vibrationen mit allem erdenklichen Komfort durchs Mittelmeer pflügt, ist eine Perini perfekt. Heute, wo große Motoryachten mit verschwenderischem Treibstoffkonsum nicht mehr zeitgemäß erscheinen, wo die Branche fieberhaft über umweltverträgliche Antriebe, Rumpfformen bis hin zu geschickten Nutzungsarten der Schiffe nachdenkt, ist die Perini als „Hybrid“boot zur bequemen Push-Button-Nutzung des kostenlos vorhandenen Windes ausgereift. Die Entwicklung dieses einmaligen Konzepts begann der toskanische Visionär, als das Thema noch nicht einmal in der Luft lag. Tja, und abends erinnern Großseglerlaternen, wie sie sonst in luftiger Höhe in der Takelage der „Gorch Fock“ oder „Sea Cloud“ leuchten, vor einem sternenklaren Mittelmeerhimmel an die zutreffende Beobachtung des amerikanischen Eisenbahnmagnaten Harold „Mike“ Vanderbilt über den Zusammenhang von Macht und Größe. 

Die aktuelle YACHTING & STYLE Ausgabe 9/2013, Heft 24, erhalten Sie in unserem Online-Shop, einfach auswählen und bestellen, oder genießen Sie YACHTING & STYLE dreimal im Jahr im kostengünstigen Abonnement frei Haus.

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