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HIGH LIFE Heft 38


© Foto: Daimler AG

LUXUS NEU DEFINIERT
Mercedes-Maybach S 600

High Life-Autor Christian Sauer testete in Kalifornien das neue Flaggschiff mit Stern aus mehreren Perspektiven.

TEXT Christian Sauer FOTOS Daimler AG

Weiße Handschuhe waren früher und sind zum Teil immer noch die Erkennungszeichen eines erstklassigen Chauffeurs. Auf der ganzen Welt wird so vor allem an die Türen von Rolls-Royce und Bentley stilvoll Hand angelegt. Nach jahrzehntelanger Abstinenz versuchte Daimler mit dem Namen Maybach in Erinnerung an den legendären Automobil- und Motorenkonstrukteur Wilhelm Maybach wieder in der Liga der Superlative mitzuspielen. Technisch den Mitbewerbern überlegen, standen die hohen Kosten allerdings in keinem Verhältnis zu den enttäuschenden Absatzzahlen der Limousine, die seit 2002 in unterschiedlichen Varianten angeboten wurde. Zehn Jahre später folgte dementsprechend die Einstellung des Prestige-Projektes. Doch gerade im Fernen Osten, insbesondere in China, nehmen immer mehr Kunden diagonal hinter dem Fahrer Platz. Dort werden Werte wie Freiraum, Individualität, Komfort sowie Qualität sehr geschätzt und davon profitieren überdurchschnittlich die britischen Traditions-Hersteller in deutscher Hand. Neben feinstem Holz und verschwenderisch viel Leder wird zunehmend aber auch dort auf Hightech gesetzt.

S-Klasse als perfekte Basis – Die meisten technischen Innovationen finden sich derzeit zweifelslos an Bord der S-Klasse von Mercedes-Benz, von deren aktueller Generation seit 2013 bereits über 100.000 Exemplare verkauft wurden. Wer einmal am Steuer des Coupé oder der Limousine saß, wird die unzähligen elektronischen Helferchen wohl nie wieder missen wollen. Und auch im Fond, gerade mit langem Radstand, wird Luxus großgeschrieben: Vor allem der vielfach verstellbare Executive-Sitz mit Liege-Funktion in Verbindung mit dem Chauffeur-Paket sucht seinesgleichen. Jedoch musste der zweite Gast hinter dem Fahrer bislang darauf verzichten – dafür reichte selbst die Fahrzeuglänge nicht aus. Abhilfe verspricht Mercedes-Benz nun mit der noch mal zwanzig Zentimeter längeren Maybach S-Klasse. Entsprechend der stattlichen Länge von 5,45 Meter und 3,36 Meter Radstand ist das Platzangebot auf allen vier Sitzen beeindruckend. Der beste Platz bleibt beim Linkslenker natürlich hinten rechts. Wird der Beifahrersitz mit dem Chauffeur-Paket maximal vorgefahren, können selbst großgewachsene Passagiere die Beine ausstrecken. In Verbindung mit der Sitzheizung, Belüftung und den unter schiedlichen Massage-Programmen lässt sich wohl in keiner anderen Serien-Limousine entspannter sitzen oder liegen. Zudem sorgen im Fall eines Unfalls neu entwickelte Vorkehrungen für Sicherheit. Diese schützen auch den zweiten Gast im Fond, der anders als in der S-Klasse mit langem Radstand nun ebenfalls die Vorteile des Executive Sitzes genießen kann. Leider lässt sich abhängig von der Sitzeinstellung des Chauffeurs die Beinstütze nur zum Teil ausklappen. Für eine „Gleichberechtigung“ hätte der Maybach noch weiter gestreckt werden müssen. Dadurch wäre allerdings nicht nur das Gewicht – so bereits rund 2,3 Tonnen – deutlich gestiegen, es hätte auch die Alltagstauglichkeit reduziert.

 

Hightech-Features – Durch die neu konstruierte Tür und die erhöhte Kopffreiheit gelingt der Einstieg in die automobile Luxuswelt noch bequemer. Die in die C-Säule integrierten Dreiecksfenster garantieren mehr Privatsphäre und zusätzlich zur dunklen Verglasung schützen elektrische Sonnenrollos vor neugierigen Blicken. Stattdessen spenden auf Wunsch die mehrfarbige Ambientebeleuchtung oder das ebenfalls dimmbare Panoramadach mit Magic Sky Control mehr oder weniger Licht. Für Unterhaltung sorgt das Infotainment-System mit 10-Zoll-Displays, auf denen sich dank Online-Zugang beispielsweise Wetter- und Navigationsdaten, Verkehrskameras oder TV-Programme und Videos darstellen lassen. Grandios präsentiert sich dazu der Klang aus dem Burmester-High-End-3D-Surround-System, das übrigens auch die Kommunikation mit dem Chauffeur unterstützt. Dank verfeinerter Aerodynamik und weniger Windgeräuschen ist der Maybach im Fond zudem die leiseste Serien-Limousine der Welt. Eine ausfahrbare Trennscheibe zwischen Bediensteten und Gästen wird aber ausschließlich für die neue Pullman-Variante der S-Klasse angeboten, die sich mit Vis-à-vis-Sitzen wieder für Staatsoberhäupter prädestiniert zeigt.

 

Verschiedene Motorisierungen zur Wahl – Private Eigner fahren laut Mercedes-Benz vor allem in China ihre S-Klasse am Wochenende auch gern selbst. Dafür präsentiert sich der S 600 mit dem bekannten 530 PS und 830 Nm Drehmoment starken 6,0-Liter-Zwölfzylinder bestens gerüstet. Äußerst kultiviert säuselt die Top-Motorisierung des neuen Maybach und meldet sich akustisch nur bei Vollgas zu Wort. Ein professioneller Chauffeur wird es seinen Passagieren kaum „zumuten“, doch er könnte in nur fünf Sekunden auf Tempo 100 und weiter bis zur begrenzten Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h beschleunigen. Kaum langsamer, aber um einiges sparsamer wird der 4,6-Liter-Achtzylinder des S 500 Maybach mit 455 PS und 700 Nm wohl mehr Kunden ansprechen. Anders als der V12 mit sieben Stufen, wird der vernünftigere V8 mit einer 9-Stufen-Automatik und außer mit Heckantrieb alternativ mit permanentem Allradantrieb 4MATIC angeboten. Während unserer Testfahrt mit dem S 600 Maybach in Kalifornien überraschte uns das Luftfahrwerk Magic Body Control samt Stereokamera, die die Dämpfer automatisch auf Unebenheiten einstellt, mit für das Gewicht und die Größe erstaunlicher Handlichkeit. Komfort hat selbstverständlich höchste Priorität und eine Maybach-Version mit noch stärkerem Motor steht zumindest derzeit nicht zur Debatte.

 

Weitere Sub-Marke neben Mercedes-AMG – Dank der gleichen Plattform wäre es jedoch problemlos möglich, andere Motorisierungen wie einen Plug-in-Hybrid mit der Exklusivität der neuen Sub-Marke Mercedes-Maybach zu vereinen. Es bleibt wahrscheinlich eine Frage der Zeit, bis die wachsende S-Klasse-Familie mit dem geplanten Cabrio um weitere Maybach-Derivate ergänzt wird. Als Reaktion auf die Mitbewerber wird außerdem ein großes SUV mit dem Logo der Maybach-Manufaktur als Doppel-M nicht ausgeschlossen. Mercedes-Benz will mit den besonders luxuriösen Varianten ganz oben mitspielen, ohne in direkte Konkurrenz mit Bentley und Rolls-Royce zu treten. Durch die Synergien und die Serienfertigung auf der gleichen Linie wie die S-Klasse kann der neue und im Vergleich zu früher weniger eigenständige Maybach günstiger produziert werden. Zwar werden Teile des Interieurs, wie das Leder der Türverkleidungen, in Handarbeit gefertigt, dennoch könnten sich äußerst anspruchsvolle Kunden neben den geprägten Logos, den damit veredelten Kissen und den versilberten Champagnerkelchen aus der Flensburger Manufaktur Robbe & Berking für die Bordbar mehr Details wünschen, die ihren Maybach von anderen S-Klassen abhebt.

Zumindest auf Anfrage sind individuelle(re) Ausstattungen mit kompletter Belederung, individuellen Zierelementen und aufwändigen Sonderlackierungen erhältlich. Spätestens dann sollten sich handwerkliche Liebe zum Detail und technische Perfektion samt dem Maximalangebot an elektronischen Features zu einem harmonischen Gesamtpaket ergänzen. So oder so stellt der Mercedes- Maybach S 600 die derzeit luxuriöseste und technisch aufwändigste S-Klasse dar – und das zu einem überraschend günstigen Preis von unter 200.000 Euro.

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