Wir verwenden Cookies auf dieser Seite, die die Bereitstellung unserer Dienste erleichtern. Wie Sie einer Verwendung von Cookies widersprechen können erfahren Sie hier.
 

Yachting & Style Heft 28

RANGER „SUPER-J“
Eine Segellegende

Dan, der Steuermann der Ranger, übergibt mir, als Fotografin heute Gast an Bord, das Rad der J/5 und fordert mich auf: „Hier, versuch’s mal.“ Ich kann gerade mal so über das mannshohe Steuerrad hinwegschauen und drehe ehrfürchtig und aufgeregt zugleich an demselben. Gefühlt mindestens eine volle Umdrehung. Aber nichts passiert, die Ranger fährt, ohne auch nur zu zucken, ganz ruhig weiter geradeaus. „Da musst du schon etwas mehr tun“, lacht Dan und übernimmt wieder.

TEXT UND FOTOS Heike Schwab

Wenn er die Renn-Yacht durch die seichten Wellen der Karibik lenkt, sieht es kinderleicht aus. Später im Rennen der Antigua Classic Week muss aber auch Dan, der durchtrainierte und erfahrene Vollblut-Segler, mit vollem Körpereinsatz am Rad drehen, um die Ranger schnell auf den richtigen Kurs zu bringen. In den Händen der professionellen Crew, die 36 Mann zählt, inklusive John Williams, stolzer Eigner der Super-J, zeigt die Ranger mit der Segelnummer J/5 dann jedoch schnell ihre beeindruckende und überzeugende Regatta-Performance. Auf dem letzten Bahnschenkel zur Ziellinie liefert sie sich mit der Velsheda, ebenfalls eine J-Yacht, J/K7, ein Wendeduell, das den Puls von Seglern und Zuschauern gleichermaßen antreibt. Manöver folgt auf Manöver, die Zurufe werden immer lauter, um gegen das Rauschen der mächtigen Segel anzukommen. Die Aktivität an Bord reißt jetzt für keine Sekunde mehr ab, Anspannung und Konzentration sind auf dem Höhepunkt, der Trimm optimal, die Leinen gerade entwirrt und aufgerollt, da klingt es bereits wieder von der Aftergard „Klar zur Wende“. Hamish Pepper, der Taktiker, lässt den Gegner dicht am  Heck nicht mehr aus den Augen, Dan steuert die J/5 nach backbord, gleichzeitig wechselt die Mannschaft zügig und organisiert ihre Positionen, die Ranger legt sich auf die Seite, das Deck berührt nahezu die Wasserlinie und Wellen schlagen über die relingfreie Bordkante. Elegant und geschmeidig, wie eine Raubkatze, schneidet die Ranger durch die Dünung, lässt Valsheda keine Chance und hört verdientermaßen den Siegesschuss an der Ziellinie.

 
In den Händen der 36 Mann starken Crew zeigt die Ranger ihre beeindruckende
und überzeugende Regatta-Performance.

Die Ranger, die heute durch die Karibik, entlang der Ostküste der USA und durch das Mittelmeer segelt, ist die Wiedergeburt der Segellegende Ranger 1937. Eine Rennyacht der J-Klasse, die Mitte 1929 ins Leben gerufen wurde und eine knappe Dekade die Yacht des America’s Cup (AC) war. 1929 diskutierte der New York Yacht Club, seinerzeit Verteidiger der „Auld Mug“, über eine weitere America’s-Cup-Herausforderung des Engländers Sir Thomas Lipton. Im direkten Vergleich „Boot gegen Boot“, ohne Handicap-Wertung, sollte der Sieger der begehrtesten Segeltrophäe der Welt ermittelt werden. Und die Yacht der Regatta sollte nach der selbst entwickelten Universal Rule der New Yorker gebaut werden. Diese Regel folgte der in Europa zu dieser Zeit sehr populären International Rule (eine Box-Rule), die besagt: Die Designer müssen die Rennyacht nach einer Formel bauen, die Eckdaten, wie Segelfläche, Länge der Wasserlinie und Verdrängung, festlegt, die nicht überschritten werden dürfen. Zusätzlich mussten jedoch die Lloyd’s Scantlings (Maßeinheit für Materialstärke) erfüllt sein, um zu gewährleisten, dass jeder Herausforderer des Cups den Atlantik sicher überqueren konnte, ohne dass Yachten aus heimischen Gewässern durch Leichtbauweisen Vorteile erzielen konnten. Die Universal Rule wurde 1930 zum ersten Mal angewendet und die nach ihr gebauten, reinen Rennyachten, die J-Klasse, hatten ihre Blütezeit in den 1930-ern.

 Als Antwort auf Sir Liptons Herausforderung bauten die Amerikaner in 1930 gleich vier J-Yachten: die Enterprise, die Whirlwind, die Weetamoe und die Yankee. Rainbow folgte 1934 und die Krönung der Klasse war Ranger 1937. England baute 4 J-Class-Yachten (in chronologischer Reihenfolge): Shamrock V, Velsheda, Endeavour und Endeavour II. Anfangs waren die Unterschiede der Racer noch gravierend, verschwanden jedoch nahezu bei den folgenden AC’s 1932, 1934 und 1937. Insgesamt wurden nur zehn Yachten der J-Klasse nach der strengen Universal Rule gebaut, die Flotte vergrößerte sich nur durch Modifikationen ähnlicher Yachten, wie der Britannia/UK. Die englische Endeavour II und die amerikanische Ranger schöpften beide in 1937 die maximal erlaubten Dimensionen der Universal Rule aus. Harold S. Vanderbilt finanzierte größtenteils den Bau der historischen Ranger, da er kein eigenes Syndikat für den Cup 1937 gewinnen konnte. 87 Mann bauten auf der Werft Bath Iron Works 140 Tage, weniger als fünf Monate, an der Verteidigeryacht. Am 11. Mai 1937 wurde sie, mit einem Monat Verspätung, zu Wasser gelassen, trotz Rezession, Kosteneinsparungen und aller anderer Widrigkeiten in präzisester Qualität. Und obwohl Endeavour II, der englische Herausforderer, die vermeintlich größere Bootsgeschwindigkeit aufwies, verteidigte Ranger im July 1937 den Cup mit 4:0 erfolgreich für die USA.

 
Die Rennyachten der J-Klasse hatten in den 1930er Jahren ihre Blütezeit,
als sie um den America’s Cup kämpften.

Doch damit nicht genug, die Ranger gewann auch alle anderen Regatten des NYYC’s in diesem Sommer, weswegen man der schlanken Schönheit den Titel „Super-J“ verlieh. Bedauerlicherweise war ihre steile, erfolgreiche Karriere nur kurz, schon im September 1937 wurde Ranger – Super-J aus dem Verkehr gezogen und segelte nie wieder. 1941 wurde sie wegen ihres Stahlrumpfes und anderer Rohstoffe für Rüstung und Industrie ausgeschlachtet und teilte dieses Schicksal mit allen amerikanischen J-Class-Yachten. Keine einzige überlebte. Den britischen J-Yachten erging es besser. Sie wurden liebevoll restauriert und heute segeln Velsheda, Shamrock V und Endeavour wieder gegeneinander um den Sieg.

 1999 wurde die Idee zur Renaissance der „Super-J“ geboren, als der Amerikaner John Williams die Endeavour für eine J-Class-Regatta während der Antigua Classic Week charterte. Eine volle Woche starrte Williams auf den Heckspiegel der original Ranger im Salon an Bord der Endeavour und sein Interesse für die „alte Konkurrentin“ war geweckt. Die kurze, aber steile Karriere der Ranger 1937 bis zum Titel Super-J faszinierte ihn so sehr, dass er die Segel-Legende rekonstruieren und ins Leben zurückholen wollte. Das Projekt Ranger 2004 (2004 erster geplanter Regattastart der J/5) nahm seinen Lauf. Es sollte allerdings nicht nur eine Kopie der J-Yacht aus 1937 werden, die „neue“ Ranger sollte eine umfassende Weiterentwicklung sein, einer zeitgemäßen „Super-J“ mindestens ebenbürtig. Viele Recherchen und weltweite Meetings prägten den mehrjährigen Suchprozess zu einem langsam wachsenden Spitzenteam, bis der Bau der J/5 endlich in Skagen/Dänemark bei Danish Yacht begann. Paolo Scanu (Studio Scanu), Jim Pugh (Reichel-Pugh) und Fred Elliott waren die federführenden nautischen Architekten. Glade Johnson, London, übernahm das Innenund Außenstyling. Und so entstand das Traumschiff, das Bill Sanderson, Projektmanager der Ranger, bei den Showboats Awards in Monaco auf einer Skala von 1 bis 10 mit einer 11 bewertete.

Klassisch die Maße der Ranger 2004, deckungsgleich mit der Ranger 1937: 41,57 m (136 ft) LüA, 28,50 m (93 ft) Länge der Wasserlinie, 188 Tonnen Verdrängung, 1922 qm Segelfläche (507 Großsegel, 411 Genua, 1004 Spi). Ebenso originalgetreu der Stahlrumpf. Dem ursprünglichen Glattdeck wurde jedoch ein kleines Deckshaus aus Carbonfiber zugefügt, das harmonisch in das Teakdeck integriert wurde. Die Segelsysteme sind state-of-the-art, wofür die Ranger die Auszeichnung „Highest Technical Achievement in a Sailing Yacht“ erhielt. Auf Knopfdruck kann zwischen Manpower und Hydraulik gewechselt werden oder beides wird kombiniert. Die J-Yacht wird auch nicht mehr mit Begleitbooten, wie das Original, an die Startlinie gezogen, die 425 hp (PS) starke Maschine, eine Lugger, ermöglicht völlig selbständiges Manövrieren.

 

Und der spartanische Mannschaftsraum der Ranger 1937 ist purem Luxus und Komfort gewichen. Die Inneneinrichtung aus hochwertigem poliertem Mahagoni kann mit jeder 50-Meter-Luxusyacht spielend mithalten. Eine Mastersuite, drei großzügige Gästekabinen, geflieste Granitbäder und eine Küche mit allen notwendigen Spielereien inklusive üppigem Kühlraum, lassen den Betrachter unter Deck völlig vergessen, dass er an Bord einer Segel-Rennyacht ist. Der von J.Williams angestrebte Perfektionismus an und unter Deck der Ranger zieht sich wie eine allgegenwärtige Philosophie vom Bug bis zum Heck, vom Kiel bis zur Mastspitze durch die ganze Yacht. Und auch die professionelle Crew lebt diese Philosophie, was besonders bei den Aktivitäten im Rennen zu spüren ist. Jeder Handgriff sitzt, das Zusammenspiel perfekt. Nicht überraschend, denn viele Jahre America’s Cup – und Whitbread/Volvo Ocean Race – Erfahrung sind in der Mannschaft gebündelt.

 

Die „neue“, junge Ranger J/5 ist eine gelungene Kreuzung aus Tradition und Moderne, die, anders als das Original, nun schon über zehn Jahre von Sieg zu Sieg segelt und das Mittelmeer, den Atlantik und die Karibik bereichert. Sie hat nichts an Faszination eingebüßt und begeistert Segler und Segelfans heute genauso wie in den 30-ern. Im September 2015 zeigt sich die Schönheit wieder im Mittelmeer, um bei den Les Voiles de St. Tropez erneut zu glänzen.

Ich muss die Ranger für heute leider wieder verlassen, werde aber sicher auf den grinsenden Hamish Pepper zurückkommen, der mich mit den Worten verabschiedet: „Wenn du mal wieder Lust hast zu gewinnen, komm einfach vorbei!“

Die aktuelle YACHTING & STYLE Ausgabe 5/2015, Heft 28, erhalten Sie in unserem Online-Shop, einfach auswählen und bestellen, oder genießen Sie YACHTING & STYLE dreimal im Jahr im kostengünstigen Abonnement frei Haus.

ANZEIGE


Milaidhoo MaledivenTop-Angebote für das neue Highlight» Zum Angebot...

ANZEIGE

TIPP: PRÄMIEN-ABO

YACHTING & STYLE lädt Sie dreimal im Jahr ein, an Bord der schönsten Motor- und Segelyachten zu gehen.

Genießen Sie mit erstklassiger Fotografie stilvolles living on board, romantische Ankerbuchten und wertvolle Tipps rund um den Yachtsport.

Bestellen Sie jetzt ein YACHTING & STYLE Prämienabo und Sie erhalten als Prämie unsere exklusive CD "Chill out at the sea". » zum Angebot