HIGH LIFE Heft 23 | 2010
Das Comeback
Die Rückkehr von Michael Schumacher in die Formel 1
TEXT THOMAS KLOCKE
... nach dreijähriger Pause zählt zweifellos zu den spektakulärsten Comebacks in der Sportgeschichte. Beim ersten Rennen in Bahrain fuhr der Rekordweltmeister souverän auf den sechsten Platz. Sobald eine weitere Abstimmung seines Boliden auf seine Fahrweise und Optimierungen der Aerodynamik erfolgt sind werden wir ihn zweifellos um den Sieg mitkämpfen sehen, zum Saisonstart waren Ferrari und Red Bull einfach zu dominant. Während der Renntage präsentierte sich der Champion so entspannt und gelassen wie lange nicht mehr. "Es hat viel Spaß gemacht", so Schumacher über sein erstes Rennen nach 1239 Tagen.
Bereits im August 2009 erlebten die unzähligen Formel-1-Anhänger und die Millionen Fans von Michael Schumacher ein Wechselbad der Gefühle: erst schienen es nur Gerüchte zu sein, dass er sich für seinen schwerverletzten ehemaligen Teamkollegen Felipe Massa für den Rest der Saison wieder hinters Steuer der "roten Göttin" setzt, dann folgte die offizielle Bestätigung. Bernie Ecclestone und RTL-Chef Gerhard Zeiler, Chef des größten Fernsehkonzerns Europas, schwebten auf Wolke 7 und ölten schon die Geldzählmaschinen. Dann, nur wenige Wochen später, platzte die Seifenblase, da Schumachers Hals- und Nackenwirbelsäule bei seinem schweren Motorradsturz im Februar 2009 wohl doch erheblicher verletzt war als gedacht und den enormen Belastungen in einem Formel-1-Rennwagen nicht standhielt.
Als Mercedes-Benz nach Saisonende das GP-Brawn-Team übernahm, um erstmals nach 55 Jahren wieder mit einem eigenen Werksteam 2010 an den Start zu gehen, fing die Gerüchteküche wieder an zu brodeln (übrigens gewannen die legendären "Silberpfeile" damals in den Jahren 1954 und 1955 neun von zwölf Rennen). Es wurde viel taktiert, auf der einen Seite wurde die Gerüchteküche angeheizt, auf der anderen Seite permanent dementiert. Mercedes-Motorsport-Chef Norbert Haug sagte zum Beispiel: "Es wäre wunderbar, wenn Michael noch einmal dort fahren würde, wo seine Profi-Karriere begann. Aber leider gehen nicht alle Träume in Erfüllung." Und auch Schumacher-Manager Willi Weber schloss kurz vor der offiziellen Bekanntgabe ein Comeback des siebenfachen Weltmeisters aus. Mit ausschlaggebend für Schumachers Entscheidung war zweifellos die Tatsache, das Ross Brawn, sein kongenialer Partner und Freund, der als Technischer Direktor erst bei Benetton, später bei Ferrari bei allen Weltmeistertiteln von Michael Schumacher die "taktischen Fäden" im Hintergrund in der Hand hielt, Teamchef im neuen Mercedes-GP-Team bleiben würde. Er hatte in der Saison 2009 das Meisterstück vollbracht, ein völlig neues Team im ersten Jahr mit Jenson Button als Fahrer zum Titel zu führen.
Neben grenzenlosem Jubel auf der einen Seite gab es natürlich auch bittere Enttäuschung - bei den Tifosi. Der Champion hatte den Nationalstolz tief verletzt, als er nach 14 Jahren Zugehörigkeit zur "Ferrari-Famiglia" sein Sensations-Comeback bei dem Erzrivalen aus Deutschland verkündete. Auch ein offener Brief Schumachers an seine italienischen Fans konnte die Wogen kaum glätten, auch wenn er sich sehr emotional dazu bekannte: "Ich werde Ferrari immer in meinem Herzen tragen, auch wenn wir jetzt Rivalen sein werden. Ich bin froh, dass die Trennung so harmonisch verlief, wir werden auch in Zukunft Freunde bleiben und ich wäre froh, wenn Ihr neben den beiden Ferrari-Piloten auch mir einen Teil Eures Wohlgefallens geben würdet. Euer Michael."
Neben allen emotionalen Aspekten überwiegen natürlich die wirtschaftlichen Auswirkungen dieses Sensations-Comebacks. Für den Formel-1-Motorsport konnte es wahrscheinlich kein größeres Geschenk geben. Nach den ständigen Regeländerungen, dem Machtkampf um die Führung in der Formel 1, bei dem die Teamvereinigung FOTA kurz davor war, eine eigene Rennserie der Hersteller zu gründen, was erst durch den Rücktritt von Max Mosley vom Präsidentenposten des Automobil-Weltverbandes FIA verhindert werden konnte, wurde die kostenintensive Königsklasse stark durch die Weltwirtschaftskrise in Mitleidenschaft gezogen. Dies gipfelte schließlich in dem Rückzug langjähriger renommierter Teams wie BMW und Toyota. Das Zuschauerinteresse wird sich vervielfältigen, schließlich geht es auf der einen Seite um den Hochspannung versprechenden Wettkampf zwischen "Altmeister" und "Jungen Wilden". Auf der anderen Seite gehen erstmalig in einer Saison mit Jenson Button, Fernando Alonso, Lewis Hamilton und Michael Schumacher vier Weltmeister an den Start - und alle mit siegfähigen Autos. Dabei schürt der siebenfache Ausnahme-Champion die Erwartungshaltung, die auf ihm lastet, noch selbst, denn für ihn zählt "nur der Weltmeistertitel". Dass die Strategen von Mercedes Großmeister des Marketings sind, steht wohl außer Frage.
Der Zeitpunkt der Bekanntgabe von der Verpflichtung Michael Schumachers - der 23. Dezember 2009 - hätte kaum besser gewählt sein können und beherrschte die Weltnachrichten. Unverständlich die Kritik der Mercedes-Gewerkschafts-funktionäre, die sein kolportiertes Fahrergehalt von sieben Millionen Euro im Jahr in Zeiten der Kurzarbeit an den Pranger stellten. Allein der mediale Werbe-Gegenwert dürfte nach konzerninternen Berechnungen bis Ende Januar mehr als 30 Millionen Euro betragen haben. Eine weitere Meisterleistung: der neue TV-Spot mit Schumacher im neuen Supersportwagen SLS. Einen höheren Aufmerksamkeitswert kann man sich kaum vorstellen. Übrigens - Böses, wer dabei denkt, dass die rote Lackierung des Flügeltürers in dem Werbespot ein kleiner Seitenhieb Richtung Ferrari sein könnte. Ein weiterer Gewinner des Comebacks ist zweifellos Gerhard Zeiler, Chef von Europas größtem Fernsehkonzern RTL. Nach Schumachers Rücktritt wurde die Quote des einstigen Erfolgsgaranten Formel 1 auf mehr als die Hälfte ausgebremst, durch die Wirtschaftskrise erfolgte in 2009 dazu noch ein massiver Einbruch des TV-Werbemaktes um mehr als 15 Prozent. Zu Schumachers Glanzzeiten verfolgten durchschnittlich zehn Millionen Zuschauer die Formel-1-Übertragungen, was jeweilige Marktanteile von fast 60 Prozent bedeutete, bei seinem letzten Rennen fieberten gar 13,44 Millionen Menschen mit ihm an den Bildschirmen. Im letzten und vorletzten Jahr ließ man bei RTL bereits die Korken knallen, wenn knapp fünf Millionen Zuschauer an den Empfangsgeräten saßen.
Für das erste Rennen in Bahrain gehen Experten auf jeden Fall von einer gigantischen Quote aus. Lassen wir uns überraschen, was die neue Formel-1-Saison bringt und ob sie speziell für Michael Schumacher unter "einem guten Stern" steht. An eine kleine Regeländerung müssen wir uns auf jeden Fall erst einmal wieder gewöhnen: seit 2003 wurden die ersten Acht mit Punkten belohnt (10-8-6-5-4-3-2-1). Ab der neuen Saison erhalten nun die besten zehn Fahrer Punkte, wobei der Sieger künftig 25 statt bisher 10 Punkte gutgeschrieben bekommt, der Zweite 18 Zähler (statt 8) und der Dritte 15 Punkte (statt 6), insgesamt also 25-18-15-12-10-8-6-4-2-1. Let the show begin!
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