HIGH LIFE Heft 23 | 2010


© FOTO ROLLS-ROYCE

Der Mythos ist zurück
Rolls-Royce setzt mit Phantom und dem neuen Ghost auf die Doppelspitze
TEXT GÜNTER NED

Rolls-Royce präsentierte uns in Goodwood den brandneuen Ghost. Zur Einstimmung fuhren wir einen strahlenden Spätsommertag lang drei Phantoms durch Sussex.

Tom Purves, CEO von Rolls-Royce seit 2008, lud zum Gespräch am runden Tisch. „Ich sehe es so: Rolls-Royce war immer dann am stärksten, wenn zwei Autos im Angebot waren, ein größerer Wagen und ein etwas kleinerer. Sie unterstützen einander – beide in Spitzenpositionen, aber sie tun es auf unterschiedliche Weise. Es war uns also klar, als wir mit Rolls-Royce wieder begannen: Wir tun gut daran, mit dem Phantom sozusagen den ultimativen Rolls-Royce zu bauen. Aber wir hatten immer auch ein Auto im Plan, das etwas leichter zugänglich ist, etwas weniger formell, oder, wie ein Kunde in Asien mir sagte: etwas mehr einen ‚Daily Driver‘. Das ist das Auto, das Sie hier vor sich sehen. Jetzt haben wir es produziert, und mit ihm wird unser Geschäft substanziell expandieren.“ Es war schon ein besonderer Moment, den neuen Ghost in so exklusivem, kleinen Kreis präsentiert zu bekommen. Kein Journalist vor uns hatte Gelegenheit, ihn hier in Goodwood, in der neuen Heimat von Rolls-Royce, in Augenschein zu nehmen – unmittelbar nach seiner Weltpremiere auf der IAA.

Wir waren uns spontan einig: Dieser Ghost ist ein ausgesprochen gelungenes Auto. Und wir verstanden Tom Purves wohl, als er unterstrich, wie glücklich der Augenblick für den Launch gewählt ist, wie gelegen ihm die Doppelspitze gerade jetzt kommt: „Es war immer so, jede Rezession erwischte Rolls-Royce später als die anderen, aber wir kommen natürlich entsprechend später wieder heraus. 2008 zum Beispiel war unser erfolgreichstes Jahr, wir haben 1212 Phantoms verkauft. 2009 waren es immerhin in einem schwierigen Umfeld 1002. Sicher wird auch 2010 ein toughes Jahr, und da gilt selbstverständlich: Ein neues Produkt in schwierigen Zeiten – das ist die größte Stärke, die wir haben können.“ Wie steht es um die Nachfrage beim neuen Ghost? Gibt es schon Zahlen? „Ich war der Meinung: Wenn uns gegen Ende des Jahres – dann liefern wir den ersten Ghost aus – zwölf- bis vierzehnhundert Kunden ernsthaftes Interesse signalisieren, dann wären wir bei normaler Wirtschaftslage in guter Form. Im Augenblick haben wir bereits etwa 1450 Nachfragen, und das in der Rezession. Das sind sehr ermutigende Zahlen. Ich denke, bei normaler Wirtschaftslage dürften wir für einen Phantom zwei Ghosts verkaufen.“

Worauf führt er das starke Interesse zurück? „Der Ghost spricht einen breiteren Kreis an, er ist auch deutlich günstiger. Mit dem Phantom sind wir im 400.000-Euro-Bereich, der Ghost kostet ab 253.000 Euro. Erstaunlich: Etwa 80 Prozent der Interessenten für den Ghost sind keine Rolls-Royce-Besitzer. Viele sagen einfach: Der Phantom ist zu groß für mich, zu omnipräsent. Ich mag das Auto, aber ich will es nicht haben. Mir passt der Ghost.“ Beim Stichwort Größe hakt Chefdesigner Ian Cameron ein. Man treffe die Sache nicht so gut, wenn man nur von Größe rede. Die Stahlkonstruktion des Ghost sei zwar 400 mm kürzer als der Aluminium-Space-Frame des Phantom, aber innen sei der neue Rolls-Royce nahezu gleich geräumig. „Wir haben Kunden, die bestücken ihre Garage wie einen Kleiderschrank. Sie haben Autos für jede Gelegenheit. Und da bieten wir mit dem Phantom einen formellen, einen ‚Grand Rolls-Royce‘, einen Smoking, wenn Sie so wollen, und mit dem Ghost wirklich einen Daily Driver, einen Business-Anzug. Auch Ihre persönlichen Anzüge haben alle die gleiche Größe, nicht wahr? Sie sind nur unterschiedlich geschnitten.“ Ins Auge sticht jedenfalls: Ghost und Phantom stammen unverkennbar aus derselben Designerhand.

Wenn Ian Cameron auf die Unterschiede zu sprechen kommt, hebt er den ganz eigenen Appeal des Ghost hervor. Seine Ambiance sei zeitgenössischer, moderner. Er weist uns auf den Grill hin, er ist deutlich kleiner als beim Phantom, sieht eher aus wie ein Lufteinlass, ist dabei perfekt eingebunden in die schöne dynamische Linienführung. Wichtig gleichwohl auch beim Ghost: die hohe Sitzposition des Fahrers, unerlässlich für einen Rolls-Royce, ebenso die Coach Doors, also die hinten angeschlagenen Türen im Fond. Dazu bietet der neue Ghost eine Leistung, die stärker ist als bei jedem Rolls-Royce vor ihm. BMW baut für den Ghost einen 6,6 Liter Twinturbo-V12-Motor, er wurde eigens für das neue Modell entwickelt. Und obwohl er mit 570 PS nur 4,9 Sekunden von null auf hundert km/h braucht, eine abgeregelte Spitzengeschwindigkeit von 250 km/h erreicht (Drehmoment: 780 Nm bereits bei 1.500 U/min), setzt Rolls-Royce seinen Spritverbrauch mit 13,6 l/100 km an, das heißt, um etwa 2 Liter geringer als beim Phantom.

Wir waren auch die Ersten, die sich ein Bild von der neuen Produktionsstraße machen konnten und von den Erweiterungen im Werk, die für die Ghost-Produktion fällig waren. Dabei stockte man nur auf, behielt den Grundriss bei, ebenso die lichtvolle, umwelt- und mitarbeiterfreundliche Architektur. „Mehr als 40 Millionen Pfund wurden in die Extension investiert“, verriet uns Frank Tiemann, Rolls-Royce-Kommunikations-Manager für Europa und den Mittleren Osten. Als das Werk für Rolls-Royce als Mitglied der BMWGruppe von Grund auf neu gebaut und 2003 eröffnet wurde, hatte das wohlgemerkt schon eine Investition von 65 Millionen Pfund bedeutet. Wir nutzten die Gelegenheit natürlich zu einem Gang durch die Werkstätten. Wirklich eindrucksvoll das Ausmaß an Handarbeit und Handwerkskunst beim Lackieren, bei der Holz- und Lederverarbeitung, und vor allem auch die Zeit, die Monteuren beim Zusammenbau gegeben wird. Für den Phantom sind pro Arbeitsstation sage und schreibe 75 Minuten vorgesehen (gegenüber 2 bis 3 Minuten sonst bei Fließbandproduktion). Die gesamte Herstellung eines Phantom dauert 360 Stunden. Das spezielle Rolls-Royce-Driver-Feeling – es wartet natürlich auch auf die künftigen Ghost-Fahrer.

Wir genossen es, als wir einen wunderschönen Spätsommertag lang durch die klassisch englische Landschaft von Sussex fuhren, abwechselnd hinter dem Steuer eines Phantom Saloon (eine Staatskarosse in der Tat), eines Phantom Coupés (ein fast sportives Erlebnis, auch wenn man bei Rolls-Royce „sportiv“ nicht gern im Zusammenhang mit dem Phantom hört, das Wort ist in Goodwood durchaus für Bentley reserviert), und Mascha, unsere charmante Kollegin aus der Ukraine, war von der 6,75 Liter-V-12-Maschine und ihren 460 PS am meisten begeistert, als sie sich davon im Phantom Drophead durch die südenglische Idylle tragen ließ. Sie fand die Cabriolet-Version „direkt etwas feminin“.

Denkt man zu alledem, wie kundenorientiert Rolls-Royce arbeitet, von den schier unendlichen Möglichkeiten, seinen Phantom per Maßanfertigung zu individualisieren, bis zum Service, wenn es mal eine Schramme gibt – Tom Purves: „Rolls-Royce-Besitzer erwarten mit Recht, dass wir alles stehen und liegen lassen und die Reparatur erledigen“ –, dann klang es recht plausibel, als uns der RR-CEO beim Lunch versicherte: „Wenn wir einen Rolls-Royce verkaufen, schließen wir kein Geschäft ab. Wir eröffnen eine Beziehung.“

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Rolls-Royce-Preise inkl. MwSt

Phantom 411.383 Euro
Phantom Extended Wheelbase 486.710 Euro
Phantom Drophead Coupé 459.697 Euro
Phantom Coupé 442.204 Euro
Ghost 253.470 Euro

Weitere Informationen: www.rolls-roycemotorcars.com

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