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Yachting & Style Heft 31

Pilot Classic
MESSERSCHARF UND HERRLICH VON GESTERN

Seit einer Weile erlebt der markante Rumpf des englischen Lotsenkutters eine Renaissance. Mit dem senkrechten Vorsteven, kantigen Deckshäusern und dem gestreckten, achtern offenen Heck besinnt sich die Yachtwelt auf eine alte Form.

TEXT Erdmann Braschos |  FOTOS Baltic Yachts, Dykstra Naval Architects, Hoek Design, Royal Huisman, Cory Silken, Nicole Werner

Seit einer Weile erlebt der markante Rumpf des englischen Lotsenkutters eine Renaissance: Er beginnt mit einem senkrechten, das Wasser durchschneidenden Vorsteven, meist überragt von einem Klüverbaum. Er endet am langen, apart gestreckten Überhang in einem traditionell geneigten Yachtheck. So sahen die Yachten des Royal Yacht Squadron, des Königlichen Yacht-Geschwaders, einst aus. Das ist lange her.

Die hinreißende Form war außerhalb der Klassikerszene beinahe vergessen. Nun wird sie wieder gebaut, vom großen Tourenboot über spektakuläre Megayachten bis hin zum erschwinglichen und handlichen Daysailer. Im englischsprachigen Raum wird dieser Bootstyp nach seinem senkrechten Vorsteven plumb stemmer oder anhand seines Vorbilds, des englischen Lotsenversetzbootes, pilot classic genannt.

 

Er ist eine ansehnliche Alternative zum stilistischen Einerlei oder everything goes moderner Yachten, die aus guten Gründen zwar auch mit einem senkrechten Vorsteven beginnen, aber nicht so schön enden. Der steile Steven streckt die Wasserlinine und das Volumen unter Deck bis weit ins Vorschiff hinein. Deshalb sieht heute jede moderne Yacht so aus. Moderne Rümpfe setzen aber mit bis nach achtern durchgezogener Breite auf Formstabilität, Zulademöglichkeit und Platz. Außerdem sind sie von Aufbauten in jeder denkbaren Form überwölbt. Die Ästhetik des englischen Lotsenkutters dagegen zwingt zu einer ringsum zurückgenommenen, am historischen Vorbild orientierten Gestaltung mit weitgehend glattem Deck und niedrigen, kastenförmigen Aufbauten. So, wie sie einst üblich war.

 2003 erinnerte die 32 Meter lange Tourenyacht „Christoffels Lighthouse“ an die Tradition des englischen Lotsenkutters. Im Unterschied zum historischen Vorbild handelte es sich dabei jedoch nicht um einen behäbig schweren Langkieler mit bremsend wasserbenetzter Fläche, sondern eine rundspantige Yacht, deren senkrechter Vorsteven in einem modernen Bootskörper mit flach gehaltenem Unterwasserschiff übergeht. Ein Hubkiel bringt am Wind Segelleistung bei 4,40 Metern Tiefgang mit erträglichen 2,60 Meter für die Ansteuerung von Ankerbuchten und Häfen in Einklang. Der Entwurf von Dykstra Naval Architects in Amsterdam wurde zum Prototyp dieser neu interpretierten Form. Oben charmant von gestern, unten widerstandsarm und drehfreudig. Sie wird seitdem variantenreich in verschiedenen Größen gebaut. Den Vogel schoss die yachtbaulich einmalige und seglerisch spektakuläre 67 Meter lange „Hetairos“ ab. Der Weg zu diesem Boot und das Resultat setzten das Konzept durch. Denn für dessen Entwicklung wurden in einer Ausschreibung gleich mehrere namhafte Konstrukteure um Ideen gebeten.

 Der mit Regatta- und Großyachten bei einer prominenten Klientel angesehene argentinische Ästhet German Frers machte einen Vorschlag. Auch der monegassische Yachtentwickler Wally Yachts machte sich gemeinsam mit dem holländischen Retrospezialisten Hoek Design aus Edam und dem Argentinier Javier Soto Acebal Gedanken. Sie brachten in Anlehnung an den historischen America’s Cupper namens „Pilgrim“ einen gigantischen Einmaster ins Gespräch. Das Rennen machte ein weiteres Teamwork ausgewiesener Spezialisten. Es bestand aus dem für schnelle Regattaboote bekannten kalifornischen Konstruktionsbüro Reichel/Pugh und Dykstra Naval Architects. Die Holländer sind bekannt für große Blauwasseryachten, die Modernisierung von Klassikern, den Neubau von „Sprit of Tradition“-Yachten und das seltene Talent, unkonventionelle Lösungen bereits mit dem Prototypen seetauglich und sicher auszuführen.

Sie schlugen einen sehr langen Zweimaster (insgesamt 67 Meter) mit zwei weit auseinanderstehenden, annähernd gleich großen Masten vor, der seine enorme Besegelung über einem ansehnlichen Rumpf mit senkrechtem Vorsteven und gestreckt aus dem Wasser gehobenen Heck im Stil der englischen Lotsenkutter verteilt. Nach mehrjähriger Entwicklung und Bau schob der finnische Kompositspezialist Baltic Yachts 2011 diesen mit ganzen 230 Tonnen verblüffend leichten Renner aus der Halle. Bis hin zu den Heckbalken aus furnierbeklebtem Komposit vermittelt „Hetairos“ die Illusion, wie damals beim Königlichen Yacht-Geschwader mit einem Klassiker unterwegs zu sein.

 

Die eigentliche Sensation, das jollenartig flache Unterwasserschiff dieser Yacht, ist nur zu begreifen, wenn das Boot für einen neuen Antifouling-Anstrich oder seltene Wartungsarbeiten aus dem Wasser gehoben wird. Oder ihr deutscher Eigner, seine Familie oder Freunde spürt sie unter Segeln, wenn der noble Schlitten mit sagenhafter Rasanz an den Wind geht. Seit diesem seglerischen Nirwana ist das Thema in der Welt, bekommt „Hetairos“ kleinere Schwestern – wo immer es möglich ist. 2012 die 55 Meter lange „Kamaxitha“, 2014 die etwas kürzere Elfje“. Beide Schiffe entstanden bei der angesehenen Royal Huisman Werft in Holland. 2008 stellten Andre Hoek und Wally mit der „Wallynano“ eine Pocket-Ausgaben des Typs vor, der die „Essence 33“ und im vergangenen Jahr in Hamburg die „Lütje 35“ folgten.

Im Grunde ist die Form so obsolet wie die 1855 eingeführte Themse-Tonnage-Vermessung, die wiederum auf eine seit Mitte des 17. Jahrhunderts gültige Besteuerung von Frachtseglern zurückgeht. Die Themse-Vermessung verrechnet die Länge – gemessen zwischen dem Vorsteven und dem Heckbalken/der Ruderwelle – mit der Rumpfbreite. Dieses Maß ließ den hinteren Überhang des Rumpfes unberücksichtigt, weshalb er gestreckt und lang aus dem Wasser gehoben wurde. Die Themse-Vermessung führt bei den Yachten zu sehr schmalen, tief im Wasser liegenden Rümpfen mit sehr viel Ballast. Eine weidlich genutzte Lücke der Themse-Vermessung war die unberücksichtigte Segelfläche.

 

Die Yachten wurden mit den damaligen Möglichkeiten gründlich aufgetakelt: Zugunsten riesiger Großsegel stand der Mast der Rennkutter weit vorne im Schiff. Diese Fläche musste mit weit vor dem Bug an ausfahrbaren Bugspriets oder starren Klüverbäumen angebrachten Vorsegeln austariert werden. Das ergab damals unpraktische und auch gefährliche Takelagen. Bei zunehmendem Wind wurde das bewegliche Bugspriet eingezogen, ebenso bei der Ansteuerung enger Häfen.

Das renommierte norddeutsche Yachtkonstruktionsbüro Judel/Vrolijk & Co. verzichtet daher aus praktischen Gründen bei der „Lütje 35“ auf den antiquiert unpraktischen Klüverbaum, der beim Anlegen, Ankern und Manövrieren stört. Auch mit dem Kajütaufbau wurde ein eigener gestalterischer Weg dieses 300.000 Euro Daysailers mit Übernachtungsoption gegangen.

 

Derzeit entsteht bei der finnischen Baltic Werft eine große, 54 Meter lange Schwester, ebenfalls von Judel/Vrolijk & Co. gezeichnet, für einen deutschen Eigner. Der sehenswerte Schlitten mit dem gestreckten Vorschiff und abgefahren auf dem Wasser gehobenen Heck wird 2017 aufgetakelt, „Pink Gin VI“ heißen und für schnelle Raumschots-Ritte einen gigantischen Gennaker am ausfahrbaren Bugspriet setzen.

Die aktuelle YACHTING & STYLE Ausgabe 5/2016, Heft 31, erhalten Sie in unserem Online-Shop, einfach auswählen und bestellen, oder genießen Sie YACHTING & STYLE dreimal im Jahr im kostengünstigen Abonnement frei Haus.

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