HIGH LIFE Heft 22 | 2010
Alles hängt an einem seidenen Faden
Von der familiären Stoffweberei zu einem der weltweit erfolgreichsten Luxuslabels – die Success Story von Sergio und Pier Luigi Loro Piana
Und diesen wertvollen Faden webt niemand feiner als Loro Piana. Als Anreiz für australische und neuseeländische Merinozüchter riefen sie den „World Wool Record Challenge Cup“ für die feinste Wolle ins Leben. In diesem Jahr ging die Trophy an die australische Highlander Ultrafine Farm, die einen Record Bale mit sagenhaften 11,5 Mikron lieferte. Aus dieser „Jahrgangswolle“ webt Loro Piana die feinsten und luxuriösesten Anzugstoffe. Doch dies ist nur einer der Superlative des Weltmarktführers für Kaschmir und Vikunja. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts ist die Familie im Stoffgeschäft tätig, seit 1998 produziert sie auch exklusive, sportivelegante Damen- und Herrenkollektionen, die in mittlerweile 132 eigenen Boutiquen verkauft werden und die auf der ganzen Welt als Synonym für Stil, höchste Qualität und zeitlosen, dezenten Luxus gelten.
TEXT THOMAS KLOCKE
Die Familie Loro Piana stammt ursprünglich aus Trivero. Sie starteten ihr Unternehmen als Kaufleute, wechselten dann aber sehr bald in die Produktion. Die erste Fabrik entstand in Quarona im Valsesiagebiet, einer bewaldeten Gegend zu Füßen der Voralpen, mit einem reichlichen Vorrat an Wasser, der unentbehrlich für die Behandlung von Wolle ist. Seit damals hat sich das Familienunternehmen nie mehr verlagert. Den Grundstein für den Erfolg legten Giacomo, Pietro und Franco Loro Piana, der das Familienunternehmen bis 1977 geleitet hat. Seine Söhne Sergio und Pier Luigi, die seitdem das Steuer in der Hand halten, haben es geschafft, aus der renommierten Tuchweberei eines der erfolgreichsten und wertvollsten Luxus- und Lifestyle-Labels der Welt zu machen. Die Basis dafür liefern Ziegen, die vornehmlich in Tibet und in der Mongolei beheimatet sind: das einzigartige Kaschmir.
Loro Piana ist Kaschmir
Kaschmir ist reines Vergnügen. So leicht, so weich, so warm – es hat die Welt erobert und ist ein Symbol für zeitlose Mode und Prestige. Aber wie kommt es, dass es diese extrem leichte Wolle schafft, die Menschen so warm zu halten? Die Natur hat die Kaschmirziegen mit einer Doppelschicht als Schutz gegen die Kälte in ihrem Lebensraum ausgestattet. Sie besitzt nicht nur ein Vlies, sondern auch ein Untervlies, welches die entscheidende Komponente von allen Kaschmirgarnen und -stoffen ist. Diese Unterwolle besteht aus unzähligen Fasern, die kleine Hohlräume bilden, die den Wärmeverlust auf ein Minimum reduzieren. Generell ist die Ziege weiß, es gibt aber auch graue und braune, die in Mittelasien leben. Die Unterwolle, der „Tiflit“ oder auch „Flaum“ genannt, besteht aus sehr weichen, seidigen Haaren. Die Faser hat generell einen Durchmesser von 12 bis 15 Mikron, die Länge beträgt ca. 20 bis 40 mm. Das wertvollste Kaschmir kommt aus der Mongolei, einer Region, die zur Volksrepublik China gehört. Eine Ziege produziert nur wenige Gramm Flaum pro Jahr, durchschnittlich sind es gerade einhundertfünfzig bis zweihundert. Diese Angabe macht deutlich, wie wertvoll Kaschmir ist. Andererseits gibt es ca. 70 Millionen Kaschmir-Ziegen in China, von denen geschätzte 16 Millionen Kaschmir produzieren.
Besonders wertvoll ist das Baby-Kaschmir vom Hycrus-Zicklein, die Faser hat 13 bis 13,5 Mikron. Sie wird durch behutsames Auskämmen der Unterwolle der Babyziegen zwischen ihrem dritten und zwölften Lebensmonat gewonnen. Beim Auskämmen gewinnt man ca. 80 Gramm feinsten Flaum, davon bleiben nach dem Waschen ca. 30 bis 40 Gramm zur Verwertung übrig. Für einen Pullover benötigt man alleine das Vlies von 19 bis 20 Baby-Hycrusziegen, da kann man auch die Preise besser einordnen. An Exklusivität der Kaschmir-Wolle wird die Ziege lediglich von den Vikunjas getoppt, die eigentlich zur Familie der Kamele gehören. Sie sind in den Hochanden Ecuadors, Perus, Boliviens, Argentiniens und Chiles heimisch, wo sie in Höhen zwischen 3.500 und 5.500 Metern leben und bis vor wenigen Jahren vom Aussterben bedroht waren.
Loro Piana war direkt an der Wiedereinführung dieser wertvollen Faser beteiligt, nachdem ein entsprechendes Abkommen mit der peruanischen Regierung im Jahre 1994 unterzeichnet werden konnte. Nachdem der Bestand bis auf 5000 Tiere geschrumpft war und das Vikunja 1976 im Washingtoner Artenschutzabkommen zur bedrohten Art erklärt worden war, sind mit Hilfe von Loro Piana große Anstrengungen unternommen worden, um die Population wieder wachsen zu lassen. So haben die Brüder Loro Piana unter anderem zweitausend Hektar Grund in Peru erworben, um hier ein privates Schutzgebiet einzurichten, das sie nach ihrem Vater Franco Loro Piana benannt haben. Dank dieser Bemühungen gibt es heute wieder mehr als 180.000 wildlebende Vikunjas, 150.000 davon allein in Peru. Die Vikunja-Fasern sind einzigartig. Sie haben einen Durchmesser von gerade einmal 12 bis 13 Mikron, das sind zwölf- bis dreizehntausendstel Millimeter. Die Temperaturregulierungseigenschaften sind phänomenal.
So können die Tiere im Winter mit der eisigen Kälte und im Sommer mit der sengenden Hitze des Andenhochlandes überleben. Ein Vikunja produziert in zwei Jahren maximal 250 Gramm Wolle, von denen nach Sortierung und Auslese gerade einmal 120 Gramm für die Verarbeitung übrig bleiben. Die Vikunja-Wolle, die von Loro Piana verarbeitet wird, trägt das Label „legally shared“, es kann genau nachverfolgt werden, woher jeder Wollballen herkommt und stellt so sicher, dass die strengen Artenschutzbestimmungen strikt eingehalten werden. Aufgrund der Rarität dieses Materials kann ein Mantel aus Vikunja auf einen stolzen Preis von ca. 150.00 Euro kommen.
Vom Textilproduzenten zum Luxuslabel
Das Business des Piemonteser Unternehmens prosperierte in den 90er Jahren sehr erfolgreich, man war damals schon der größte Kaschmir-Produzent, bedeutendste Händler für die exquisiten Stoffe und ebenfalls größter Anbieter feinster Merino-Wolle weltweit. Der Name Loro Piana hingegen war nicht so bekannt, denn man fand ihn höchstens auf den kleinen Etiketten der größten Designer. Da kamen die beiden umtriebigen Brüder auf die Idee, eigene Kollektionen auf den Markt zu bringen. Diese durften natürlich nicht in der klassischen Herren- oder Damenoberbekleidung angesiedelt sein, sonst wäre man schließlich in Konkurrenz zu seinen bisherigen Kunden getreten. Also besann man sich auf den sportiven Bereich, und als „Marktforscher“ hätte man niemanden Besseres finden können, als sich selbst, denn die beiden Brüder verkörpern gehobenen Lifestyle pur und wissen so selbst aus eigener Erfahrung, welche funktionellen und modischen Eigenschaften exklusive Freizeitkleidung haben sollte: Sergio als passionierter Reiter, beide als leidenschaftliche Segler und Skiläufer. Anfang der 90er Jahre wurde zum Beispiel der Dress für die italienische Nationalmannschaft der Reiter für die Olympiade in Barcelona entwickelt, aus der später das Outerwear Horsey Jacket wurde. Wichtig hierbei, dass der Reiter über eine größtmögliche Bewegungsfreiheit verfügt, das Material aber bei Reibungen keine Geräusche verursacht, um die Pferde nicht zu verschrecken. Mit der „Barrage“-Jacke wurde einige Jahre später dann die italienische Equipe auch für die Olympischen Spiele in Athen eingekleidet. Die „Icer Skiing Jacke“ hatte ihren Ursprung als Dress des Rossignol Racing Teams im Jahre 2000 bei dem Ski Weltcup in Bormio, und als die Veranstalter des Concours d’Elegance in der Villa d’Este am Comer See, die hochkarätigste Oldtimer-Veranstaltung Europas, zum 75-jährigen Jubiläum ein Produkt für die bedeutendsten Sammler suchte, kontaktierte man natürlich die Loro Pianas: so entstand die chice „Roadster“-Jacke.
Heute stattet Loro Piana weiterhin auch Yachten und Private Jets individuell und maßgeschneidert aus, eine eigene Division nimmt sich außergewöhnlicher Home Interiors im „Loro Piana Style“ an. Hierfür stehen mittlerweile Einrichtungsstoffe in über 390 Variationen zur Verfügung. Doch damit nicht genug: In geringen Mengen (50 Meter) können sogar persönliche Nuancen kreiert werden. Das farblich abgestimmte Dekorationsthema setzt sich in Überwürfen und Sofadecken in jeder beliebigen Größe fort. Zur Wahl stehen Kaschmir in 28 Farben und Wildleder in 27 Farben oder – als ultimativer Luxus – Chinchilla (in 6 Farben), Zobel oder Luchs. Und natürlich gibt es mittlerweile auch eine Vielzahl von hochwertigen Accessoires in der Kollektion von Loro Piana, ob das die geschmeidigen Kalbsleder-Overknees aus der aktuellen Winterkollektion sind, die in einer großen Farbpalette erhältlichen Velours-Bootsschuhe oder die Taschen, die Brisbane Bag, Bellevue oder der Klassiker unter den Loro-Piana-Taschen, die Globe Bag, die es in den vier Lederausführungen Strauß, Krokodil, Fjord und Mojau-Kalb in 30 Farben gibt. Bei Vikunja und Baby-Kaschmir begeistern aktuell die zwölf Bomberjacken, Mäntel und Capes, hergestellt aus den feinsten und seltensten Materialien aus Peru und der Mongolei, die in fünf Farben erhältlich sind und zusätzlich durch Pelz betont werden können. Um seinen Kunden einen außergewöhnlichen Service zu bieten, hat Loro Piana jetzt sein Konzept des „personalisierten Luxus“ vorgestellt: So werden Anzüge, edle Oberbekleidung und Strickwaren und sogar Schuhe und Taschen in den größten Loro Piana Stores innerhalb von ein bis drei Monaten individuell gefertigt – je nach Warteliste.
Eingespieltes Duo aus Kreativität und Strategie
Pier Luigi, von seinen Freunden nur „Pigi“ genannt, ist ein Bonvivant und Genussmensch. Er ist für den Einkauf der Rohmaterialien und die Verhandlungen mit den Lieferanten in China, der Mongolei und Australien verantwortlich. Er ist leidenschaftlicher Regattasegler; auf seiner 24-Meter-Ketch „My Song“ ist er häufig am Steuer zu finden, wenn die Mega-Segler auf dem Wasser ihre Kräfte messen. Viele Events davon unterstützt Loro Piana als Sponsor, wie die „Tre Golfi“ vor Capri oder jüngst die „Loro Piana Superyacht Regatta“ in Porto Cervo an der Costa Smeralda Sardiniens. Es störte „Pigi“ immer, dass er beim Segeln keinen bequemen Blouson tragen konnte, sondern immer nur Bekleidung aus steifem Nylon. Das ließ ihm keine Ruhe und so entwickelte er gemeinsam mit seinem Kreativteam – laut Sergio sein „Meisterstück“ –, das patentierte „Twenty K Storm System“, ein wasser- und winddichtes Membran aus dreilagigem Laminat, das atmungsaktiv ist, über wasserdicht getapte Nähte verfügt und natürlich mit Kaschmir gefüttert ist. Auch das wasserabweisende Kaschmir geht auf seine Initiative zurück. Sergio hingegen ist der Workaholic, der Chefstratege des Unternehmens, der seine Ziele mit Akribie und großer Willenskraft verfolgt. Nicht zuletzt seiner Dynamik ist es zu verdanken, dass gerade die Eröffnung des 132. Loro Piana Geschäftes gefeiert werden konnte, seit Gründung der „Luxury Goods Division“ in 1998 – eine einzigartige Success Story.
Weitere Informationen:
www.loropiana.com
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