HIGH LIFE Heft 22 | 2010
NANAI
LuxusLeder aus dem Wasser
Dass Holger Hain innerhalb weniger Monate vom Manager des größten Räucherlachsproduzenten der Welt zum innovativen Hersteller von Highend-Luxusleder werden konnte, ohne die Branche zu wechseln, hätte sich der 38-Jährige noch vor ein paar Jahren wahrscheinlich nicht vorstellen können. Aber: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Als Geschäftsführer der Laschinger GmbH exportierte er Lachs in alle Teile der Welt, jetzt sorgt er mit nanai dafür, dass den exklusiven Modehäusern, innovativen Möbel- und Fahrzeugdesignern und kreativen Inneneinrichtungsarchitekten ein neues Arbeitsmaterial zur Verfügung steht: hundert Prozent chromfrei gegerbtes Leder aus Lachshäuten. Oder genauer: Nanaileder.
Die Nanai, auch „Die Goldenen“ genannt, sind ein indogenes Volk ansässig am Amurfluss im Osten Sibiriens, das seit Jahrtausenden die Tradition der Lachslederherstellung pflegt. Von einem Künstler aus dem Volk der Nanai lernten Holger Hain und sein Team die Gerbung der Lachshaut auf traditionelle Art, welche ohne chemische Zusatzstoffe im Herstellungsprozess auskommt. In zahlreichen Versuchsreihen wurden die Ergebnisse optimiert und zu einem weltweit einzigartigen industriellen Verfahren weiterentwickelt. Heute wird das Nanaileder in einem vollkommen neuen, mehrstufigen und umweltschonenden Prozess hergestellt. Die ökologische Verträglichkeit ist das Herzstück seiner Produktion und Nanaileder eine einleuchtende Alternative im Markt der exotischen Ledersorten, da es ein Nebenprodukt der Lachsindustrie ist und kein Tier der Haut wegen gezüchtet wird. Zu ethisch oder ökologisch bedenklichen Praktiken eine Alternative zu bieten, ist Hain besonders wichtig. Das beginnt bei nanai schon mit der Auswahl der Lachse.
Für Nanaileder werden nur Tiere aus zertifizierten irischen Biolachsfarmen verwendet. Auch die Färbung geschieht auf vegetabiler, das heißt pflanzlicher Basis. Obwohl die flächendeckende Markteinführung erst im nächsten Jahr ansteht, kann sich der ehrgeizige Manager über mangelnde Aufträge schon jetzt nicht beklagen. Erklärend schwärmt er von den unvergleichlichen Produkteigenschaften des Nanaileders – so dünn und leicht ist es und gleichzeitig so robust und reißfest –, den vielen Farben, der charakterstarken Optik und den vielfältigen Möglichkeiten, die Nanaileder in Zukunft bieten könnte.
Holger Hain bereitet gerade die Markteinführung von Nanaileder vor. Das Interesse von exklusiven Modehäusern, Fahrzeugdesignern und Inneneinrichtern ist überwältigend.
Sie arbeiten seit 2003 im Lachshandel. Gab es einen bestimmen Moment, an dem Sie das Potenzial von Lachsleder entdeckt haben?
Ja, den gab es. Wir haben 2004 unsere zweite Fischfabrik gebaut, in der Nähe von Danzig, in Polen. Obwohl Herr Laschinger sich operativ aus seinem Unternehmen zurückgezogen hat, war er während der Bauzeit vor Ort. Irgendwann fiel mir seine Dokumententasche auf. Sie war mit einem Lederstreifen verziert, der auf den ersten Blick wie Schlangenleder aussah. Mir gefiel die Tasche und ich fragte ihn: „Das ist doch keine Lachshaut, oder?“ Er antwortete: „Was glaubst denn du, natürlich!“ Wir haben uns seit Jahren über die Wertschöpfung der Lachsabschnitte Gedanken gemacht, aber auf die Idee, aus der Haut Lachsleder herzustellen, war ich bis dahin noch nicht gekommen. Herr Laschinger erzählte, dass ihn irgendwann in den Achtzigern ein russischer Geschäftspartner in Bischofsmais, dem Stammsitz des Unternehmens, besuchte und ihm angeboten hat, Lachsleder herzustellen. Es entstand sogar eine erste Maschine, mit der sich die Lachshaut schonend abspalten ließ. Doch damals fehlten das Geld und die Zeit, die Idee weiter zu verfolgen. Dann erzählte er mir euphorisch, wie strapazierfähig Lachsleder ist. Er hatte Recht: Nach 20 Jahren sah das Leder auf seiner Tasche aus wie neu. Motiviert und voller Neugier begannen wir mit den Versuchen zur Herstellung von Lachsleder. Bei unseren Nachforschungen stießen wir immer wieder auf den Namen Nanai, eine Region in Sibirien, wo die Einwohner seit Jahrtausenden Fischhäute gewaschen, vernäht und als Schutzkleidung verwendet haben.
Haben Sie Kontakt mit den Nanai aufgenommen?
Ich bin im Zuge der Recherche auf einen Nanai gestoßen, der in Wien als Künstler und Bildhauer lebt. Seine Lebensgefährtin ist eine Deutsche aus dem Raum München. Ich habe mit den beiden Kontakt aufgenommen und konnte ihr Interesse an einer Zusammenarbeit wecken.
Der Künstler ist mit der Technik der Nanai noch vertraut?
Ja, er verfügt über die Grundkenntnisse der speziellen traditionellen Lachslederherstellung und hat an den ersten Entwicklungsstufen mitgearbeitet. Parallel dazu haben wir uns weltweit informiert und Kontakte zu internationalen Lederinstituten aufgenommen. Wir verschickten Lachshäute an Gerbereien in Asien und Brasilien mit dem Auftrag, die Lachshaut chromfrei und ohne Chemie zu gerben. Niemand hat das geschafft. Außer uns.
Chrom wäre günstiger und billiger, richtig?
Ja, aber wir kommen so langsam in ein Zeitalter, in der es Pflicht wird, ökologische und ethische Aspekte einer Produktion mitzubedenken. Lederhandschuhe zum Beispiel haben engen Kontakt mit der Haut. Und es gibt heute bereits viele Menschen mit einer Metallallergie. Das wird sich in Zukunft noch verstärken, denke ich. Wenn man ausschließlich mit Chrom gerbt, kann das zum Problem werden. Viele Modefirmen reagieren bereits darauf: Green Fashion, Eco Fashion, das ist in den letzten Jahren sehr wichtig geworden. Da sind wir genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und wir bieten ein Alternativprodukt zu Schlangenoder Krokodilleder, deren Herstellung meistens gegen den Artenschutz verstößt. Eine Handtasche aus Krokodilleder trägt man doch immer mit einem schlechten Gewissen. Bei uns braucht man das nicht zu haben. Kein einziger Fisch wurde allein der Haut wegen gezüchtet.
Waren Sie schon mal bei den Nanai in Sibirien?
Ich werde im April nächsten Jahres dorthin fahren. Die Nanai leben am Fluss Armur. Der fließt auch durch China und ist durch eingeleitete Industrieabfälle in einem sehr schlechten Zustand. Es ist schlimm, was da passiert, denn der Fluss ist eigentlich der Lebensmittelpunkt der Nanai. Wir unterstützen die Nanai finanziell und widmen ihnen unser Leder.
Wenn das Verfahren so aufwändig und speziell ist, können Sie auf Dauer überhaupt einer steigenden Nachfrage gerecht werden?
Die Laschinger-Gruppe ist der größte Lachsveredeler der Welt. Die theoretisch verfügbare Menge ist also enorm. Wir können mit unseren Kapazitäten derzeit zirka acht Quadratkilometer Lachsleder pro Jahr herstellen. Verfügbare Haut hätten wir für 1500 Quadratkilometer. Bei fast allen anderen exotischen Lederarten, wie zum Beispiel Rochen, ist die Menge sehr begrenzt. Es ist mir sehr wichtig, dass wir den Kunden die optimale Liefersicherheit verbunden mit einer konstanten Qualität gewähren können. Produktionskapazitäten zu schaffen ist für uns kein Problem.
Was zeichnet Nanaileder aus?
Es ist sehr robust und reißfest. Für die offizielle Lederzertifizierung mussten wir diverse Normen erfüllen. Diese haben wir mit Bravur bestanden. So ist zum Beispiel für die Möbelindustrie ein Abriebtest erforderlich, bei dem der Abrieb mit einem Schleiftest von 20000 Scheuertouren simuliert wird. Bei der Zertifizierungsstelle war man sehr beeindruckt, wie strapazierfähig das Material ist, obwohl es nur einen knappen Millimeter dick ist. Auch bei der Zugfestigkeit und der UV-Licht-Beständigkeit haben wir sehr gute Werte erzielt.
Welche Produkte aus Lachsleder gibt es schon?
Das junge Berliner Modelabel „Mongrels in Common“ hat für seine diesjährige Sommerkollektion bereits Nanaileder verwendet. Aber auch weitere deutsche und französische Designer, darunter international bekannte, haben bereits die ersten Musterteile aus Nanaileder gefertigt. Der Schuhhersteller Ludwig Reiter plant im nächsten Jahr Schuhe aus Nanaileder auf den Markt zu bringen, ebenso Pollini, einer der bekanntesten italienischen Produzenten hochwertiger Taschen und Schuhe. Wir haben mittlerweile Anfragen aus der ganzen Welt. In den nächsten beiden Jahren wird man viel von uns hören. So wie heute jeder Nappaleder kennt, soll in drei Jahren jeder Nanaileder kennen. Es gibt die verschiedensten Einsatzmöglichkeiten, nicht nur in der Mode: in der Innenausstattung von Wohnungen und Geschäften, von Yachten und Autos sowie bei Möbeln.
Man hat gehört, dass es auch eine Zusammenarbeit mit BMW geben wird.
Ja, für den neuen BMW X6M. Das Fahrzeug wird noch in diesem Jahr fertig gestellt sein, und die Zierleiste sowie diverse Applikationen, die oft aus Kunststoff, Holz oder Klavierlack sind, werden durch Nanaileder ersetzt. Durch das Einsetzen unseres naturbelassenen Leders entsteht ein sehr lebendiges Design. Das Fahrzeug wird im Januar weltweit vorgestellt. Dann kann sich jeder seinen BMW bei der Individual-Abteilung mit Nanaileder ausstatten lassen.
Inwiefern unterscheidet sich Nanaileder von den üblichen Ledersorten wie zum Beispiel Rindsleder?
Vor allem in der Optik: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Oberflächenoptik darzustellen und zu simulieren. Für mich ist es wichtig, dass der Kunde wirklich auch das Material erhält, das er sieht. Kaschierungen und Prägungen finde ich unnatürlich und abgedroschen. Nanaileder ist von der Struktur sehr abwechslungsreich. Jeder Fisch ist anders, jede Haut ein Unikat. Das soll man sehen können, selbst dann noch, wenn man das Leder färbt. Unsere mehrjährige Forschungsarbeit und die hochentwickelten Technologien gewährleisten, dass die natürliche Struktur der Haut und die Pigmentierung erhalten bleiben. Das ist weltweit einzigartig. Wir bieten übrigens auch Nanai-Wildleder an. Das ist weich, und wenn es gespannt ist, dann öffnet sich das Schuppenkleid. Das ist sehr sinnlich – sowohl optisch als auch von der Haptik.

Weitere Informationen: www.nanai.eu
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