HIGH LIFE Heft 20 | 2009
Ewiger Kalender
Das Gedächtnis der Zeit
WAS GESCHAH IN ROM IN DEN TAGEN VOM 5. OKTOBER BIS 14. OKTOBER 1582? Diese spontan kaum zu beantwortende, in ihrer Lösung jedoch frappant einfache Frage führt uns zu den Ursprüngen des heute mit größter Selbstverständlichkeit angewandten Kalendersystems Papst Gregors XIII. Dieser hatte am 24. Februar 1582 in Rom die Bulle „Intergravissimas“ unterzeichnet, damit seinen bis in die Gegenwart gültigen „Gregorianischen Kalender“ erlassen, und aus zwingenden astronomischen Gründen u.a. verfügt, dass noch im selben Jahr zehn ganze Tage auszufallen hätten. Dieses einmalige Ereignis fand im Oktober 1582 statt, als auf den 4. unmittelbar der 15. des Monats folgte. Doch rundete Gregor XIII. mit seinem Edikt nur eine fundamentale Kalenderreform ab, die Gaius Julius Caesar schon am 1. Januar des Jahres 45 v. Chr. in Kraft gesetzt hatte.
TEXT: G. L. BRUNNER
FOTOS: MICHAEL TESMANN / LES AMBASSADEURS / FRANCK MUELLER
Bis zu jenem wichtigen Datum orientierte sich der altrömische Kalender eher am Mond als an der Sonne. Ein Mondjahr hatte zuerst zehn, danach zwölf Monate mit durchschnittlich 29,5 Tagen, insgesamt also 354 Tage. Aus heute rational nicht nachvollziehbaren Gründen gesellte sich ferner noch ein 355. Tag hinzu. Das altrömische Mondjahr begann ursprünglich am 1. März und endete mit Ablauf des Monats Februar. Unsere Monatsnamen September, Oktober, November, Dezember bergen etymologisch in sich noch den Sachverhalt, der siebte, achte, neunte und zehnte Monat des Jahres gewesen zu sein.
Nachdem das Mondjahr gegenüber dem Sonnenjahr zehn bis 12 Tage zu kurz war, stimmten Kalender und Jahreszeiten nicht mehr überein. Um weiterhin im Rhythmus der Jahreszeiten leben zu können wurde alle zwei Jahre ein Schaltmonat von 22 Tagen eingeschaltet, um der Diskrepanz immer wieder Herr zu werden. Als sich Caesar im Jahr 46 v. Chr. entschloss, dieses Durcheinander, nach damaligem Kenntnisstand, endgültig zu beheben, fehlten bereits wieder 90 Tage, die noch im gleichen Jahr eingeschaltet werden mussten, um den neuen Kalender zum 1. Januar 45 v. Chr. von einer astronomisch exakten Basis aus starten zu können.
Ihren „Julianischen Kalender“ verfügten Caesar und sein alexandrinischer Berater Sosigenes auf den Berechnungen des griechischen Astronomen Hipparchos von Nikaia. Dieser hatte schon 150 Jahre zuvor die Länge des Sonnenjahres mit 365 Tagen, 5 Stunden, 55 Minuten und 12 Sekunden erstaunlich genau ermittelt und dadurch die babylonische Jahreslänge von 365,25 Tagen bestätigt. Also musste das 355-tägige altrömische Jahr um zehn Tage angereichert werden, ein erster Schritt hin zu den heute gebräuchlichen Monatslängen. Zudem hatte nach logischer Rechnung auf drei „normale“ Jahre mit jeweils 365 Tagen ein Schaltjahr mit 366 Tagen zu folgen.
Im Winter 45/44 v. Chr. beschloss der römische Senat zu Ehren Gaius Julius Caesars, der gerade den Zenit seiner Macht erreicht hatte, dessen Geburtsmonat „Quintilis“ in „Julius“ (Juli) umzubenennen. Als „Quintilis“ war dieser Monat 30 Tage lang. Dem Monat „Julius“ fügte der Diktator einen Tag hinzu. Am 31. „Juli“ sollte an Gaius Julius Caesar gedacht werden. Es war ein Feiertag. Später, 8 v. Chr., ward Augustus eine ähnliche Ehre zuteil. Weil er am 1. Sextilis des Jahres 30 v. Chr. Alexandria erobert, damit Antonius und Kleopatra endgültig unterworfen hatte, erhielt dieser Monat den Namen „Augustus“. Darüber hinaus wurde auch diesem Monat ein zusätzlicher, 31., Tag hinzugefügt. Auch er war Feiertag, auch an ihm sollte die Bevölkerung Augustus „feiern“. Der dazu erforderliche Tag wurde, wie auch für den 31. Juli, dem ohnehin schon kurzen Schaltmonat Februar entnommen.
Damit war die Basis unseres heutigen Kalendersystems geschaffen; und in den folgenden Jahrhunderten ergaben sich zunächst keine weiteren Notwendigkeiten mehr, den Julianischen Kalender zu modifizieren. Auch die Christen übernahmen seine wichtigsten Einrichtungen (Monatsnamen und längen, Februar als Schaltmonat, alle vier Jahre ein Schaltjahr) unverändert ins Mittelalter. Für das kirchlich bedeutsame Osterfest hatten sie bestimmt, dass es auf den Sonntag zu fallen habe, der auf den ersten Frühlingsvollmond folgt. Zudem war schon 325 n. Chr. beim Konzil von Nicäa der Frühlingsanfang auf den 21. März festgeschrieben worden. Rein mathematisch musste dieser erste Frühlingsvollmond also spätestens am 18. April eintreten. Bereits den Astronomen des ausklingenden Mittelalters fiel jedoch das kontinuierliche Vorrücken dieses Termins auf. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts betrug die Differenz schon 10 Tage, weil das Julianische Jahr um 11 Minuten und 14 Sekunden oder umgerechnet 0,0078 Tage zu lang war. Also musste auch der Julianische Kalender nachgebessert werden, was nach langwierigen Beratungen und Studien zu der Kalenderreform Papst Gregors XIII. und seiner Streichung der bereits genannten zehn Tage führte.
Damit sich dieser Fehler nicht mehr wiederholen konnte, waren die überschüssigen 0,0078 Tage / Jahr „einzusparen“. Die Lösung des Problems: Die ganzzahlig durch vier teilbaren Jahre blieben weiterhin Schaltjahre bis auf die Jahrhunderte, die nicht durch 400 teilbar sind. Die Jahre 1700, 1800, 1900 sind also ganz „regelmäßige“ Jahre zu 365 Tagen, während 1600, 2000 und 2400 Schaltjahre sind. Überdies ist alle 4000 Jahre zusätzlich ein weiteres Mal auf den 29. Februar zu verzichten. In katholischen Ländern trat der Gregorianische Kalender, nunmehr astronomisch korrekt, am 15. Oktober 1582 in Kraft. Das protestantische Deutschland folgte am 1. März 1700 und Griechenland schloss sich 1923 als eines der letzten Länder an.
GANZ IM SINNE PAPST GREGORS XIII.
Armbanduhren mit dem Ewigen Kalender gibt es viele. Die AETERNITAS 4 MANUFACTURE FRANCK MULLER GENEVE ist hingegen einmalig, denn ihr Uhrwerk mit „fliegendem“ Tourbillon treibt ein ausgeklügeltes Kalendersystem an, das seinesgleichen sucht.
Ewige Kalender konventioneller Bauweise folgen dem Erlass von Julius Gaius Caesar aus dem Jahr 45 v. Chr. In diesem Sinne berücksichtigen sie die verschiedenen Monatslängen in Normal- wie in Schaltjahren ohne manuelles Einwirken. Den Spezifika des Edikts Papst Gregors XIII. aus dem Jahr 1582, wonach der Schalttag in allen nicht durch 400 teilbaren Säkularjahren auszufallen hat, werden sie jedoch nicht gerecht. Mit anderen Worten: 2100, 2200 und 2300 werden sie dem Februar 29 Tage zugestehen, obwohl er lediglich deren 28 dauert. Nicht so das immerwährende Kalendarium der AETERNITAS 4.
Es ist ewig im wahrsten Sinne des Wortes und wird der Tatsache gerecht, dass die Jahre 2100, 2200, 2300, 2500, 2600, 2700, 2900, 3000 etc. – obwohl durch vier teilbar – keine Schaltjahre sind. Der intelligente Mechanismus besitzt zwei zusätzliche Räderwerke und folgt somit einem Zyklus von 1000 Jahren. Das erste der beiden beinhaltet je ein Rad für 10, 100 und 1000 Jahre. Dieses Ensemble gestattet die Indikation der Jahre auch über einen Jahrtausendzyklus hinaus.
Das zweite bewirkt mit Hilfe entsprechend berechneter und geformter Nocken das Entfallen der Schalttage in allen nicht durch 400 teilbaren Säkularjahren. Ihm ist auch geläufig, dass 2400, 2800, 3200 etc. einen 29. Februar aufweisen werden. In retrograder Form wird das Datum unterhalb der „12“ angezeigt, das heißt, der entsprechende Zeiger wandert im Laufe eines Monats über ein 160 Grad breites und daher bestens ablesbares Kreissegment. Abhängig von der Monatslänge springt er nach dem 28., 29., 30. oder 31. zurück zum 1. des Folgemonats. Die Wochentage und Monate stellen konventionell rotierende Zeiger dar.
Eine 24-Stunden- sowie eine Schaltjahres-Indikation erleichtern das korrekte Einstellen des Kalendariums. Besonders hilfreich ist in diesem Zusammenhang auch das kleine Fenster im Zifferblatt- Zentrum. Es bildet die aktuelle Jahreszahl zunächst bis (2)999 in digitaler Form ab. Danach springt die Anzeige auf (3)000. Der Lauf durch das nächste Jahrtausend kann beginnen. Darüber hinaus lässt sich vom Zifferblatt der AETERNITAS 4 MANUFACTURE FRANCK MULLER auch die Differenz zwischen der mittleren und der wahren Sonnenzeit (Äquation oder Zeitgleichung) ablesen.
Hierzu an dieser Stelle nur so viel: Wegen der elliptischen Umlaufbahn der Erde um die Sonne und der geneigten Erdachse beträgt die Differenz zwischen dem kürzesten und dem längsten Tag eines Jahres genau 30 Minuten und 45 Sekunden. Weil das zu viel ist für ein geregeltes Leben, verordnete sich die Menschheit eine mittlere Sonnenzeit.
Nicht minder präzise ist die Mondphasenindikation. Ihre Abweichung von der astronomischen Norm beträgt lediglich 6,8 Sekunden pro Mondmonat. Selbiger dauert exakt 29 Tage, 12 Stunden, 44 Minuten und 2,8 Sekunden. Hochgerechnet beträgt der Fehler also nur einen Tag in 1000 Jahren. Traditionelle Konstruktionen gehen stattdessen schon nach vier Jahren einen ganzen Tag falsch. Zu beiden Seiten des Tourbillons in der unteren Zifferblatthälfte drehen sich ein 24-Stunden-Zeiger. Sie stellen zwei zusätzliche Zonenzeiten dar und lassen sich nicht nur höchst individuell, sondern auch extrem komfortabel verstellen. Der linke Zeiger steht mit einem versenkten Drücker im linken Gehäuserand in Verbindung. Bei Reisen in westlicher Richtung springt er pro Knopfdruck um eine ganze Stunde zurück.
Analog dazu ist der rechte 24-Stunden-Zeiger für Trips in östlicher Richtung gedacht. Sein zugehöriger Drücker im rechten Gehäuserand bewegt ihn stundenweise vorwärts. Die Gehäusehöhe des Uhrwerks wächst aufgrund der beschriebenen zahlreichen Funktionen um 3,25 auf 10,55 Millimeter.
AETERNITAS 5 MANUFACTURE FRANCK MULLER GENEVE
Die Krönung des interessanten AETERNITAS-Spektrums verkörpert zweifellos die fünfte und logischerweise komplizierteste Version dieser ungewöhnlichen Uhr. Sie vereinigt in sich das Basiswerk mit Selbstaufzug und „fliegendem“ Tourbillon, den interessanten Schleppzeiger-Chronographen sowie – als Krönung – das wirklich Ewige Kalendarium mit Jahres-, Mondphasen- und Äquationsanzeige. Summa summarum enthält die AETERNITAS 5 im markanten Gehäuse „Cintrée Curvex“ 20 verschiedene Komplikationen. Die Teilung der Zeit wurde von den Sumerern vor gut 5000 Jahren festgelegt. In der MANUFACTURE FRANCK MULLER GENEVE entstand die schönste Form ihrer visuellen Umsetzung. Hier werden die Beobachtungen von Sonne und Mond in die kommenden Jahrhunderte gebracht und zwar so, dass wir uns erlauben, von einem uhrmacherischen Olymp zu sprechen. Mit insgesamt 1044 Komponenten, davon 93 Rädern, darf die AETERNITAS 5 als ein grenzenloses Uhr-Vergnügen am Handgelenk angesehen werden.

LIVRE D’OR
Wer mehr über die Uhren von FRANCK MULLER erfahren möchte sollte es nicht versäumen, sich dem LIVRE D’OR, herausgegeben von Dierk Wettengel, dem Grandseigneur der Uhrenindustrie, zuzuwenden. Preis 75 Euro. Im Band „FRANCK MULLER MASTER OF COMPLICATIONS“ finden Uhrenaffine Zeitgenossen neben gestochen scharfen Fotos detaillierte Angaben zu den großen Komplikationen aus der MANUFACTURE FRANCK MULLER GENEVE zum Preis von 25 Euro.
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