HIGH LIFE Heft 20 | 2009
LUNCH mit dem obersten Bentley - Boy
Exklusiv-Interview mit Dr. Franz-Josef Paefgen, Chairman und CEO von Bentley Motors
In Zeiten einer der größten Absatzkrisen für Luxusautomobile, in denen die Diskussionen über hohe Verbrauchswerte und den CO2-Ausstoß auf der Tagesordnung stehen, präsentiert die englische Sportwagenschmiede den stärksten und schnellsten Bentley, der jemals gebaut wurde. Das Außergewöhnliche an diesem Fahrzeug ist jedoch, dass es mit „Flexi-Fuel“, also wahlweise mit Bioethanol oder normalem Benzin, fährt und damit der erste „grüne“ Supersportwagen der Welt ist. Um mehr über Bentley und diese richtungweisende Umweltstrategie zu erfahren, trafen wir uns mit Bentley-Chef Dr. Franz-Josef Paefgen zum Exklusiv-Interview in Crewe.
TEXT: THOMAS KLOCKE | FOTOS: KLAUS LORKE / BENTLEY MOTORS
Bevor wir über den neuen Bentley Supersports sprechen, können wir vielleicht einen kleinen Rückblick auf die Revitalisierung der Marke Bentley durch die Übernahme des VW-Konzerns im Jahre 1998 werfen, dessen Höhepunkt sicherlich das Jahr 2007 mit einem Verkaufsrekord von mehr als 10.000 Fahrzeugen war. Worin sehen Sie das Geheimnis Ihres Erfolges?
Ein wesentlicher Bestandteil der Revitalisierung der Marke Bentley war die Rückbesinnung auf unseren Markenkern, namentlich auf die „Bentley Boys“. Ähnlich wie diese legendären Rennfahrer, alles Gentleman und anerkannte Persönlichkeiten ihrer Zeit, erleben heute unsere Kunden der Continental-Baureihe persönlich das Gefühl, als „Selbstfahrer“ am Steuer eines technisch sehr überlegenen Automobils zu sitzen.
Wir haben eben nicht minder das Gefühl genossen, im Fond eines Arnage zu sitzen und chauffiert zu werden. Dabei erzählte uns unser Chauffeur, wie stolz er sei, für Bentley zu arbeiten und dass auch zahlreiche Familienangehörige im Werk in Crewe tätig seien. In Ihrer sämtlichen Kommunikation unterstreichen Sie, dass es sich bei Bentley nach wie vor um eine authentische britische Motor Company handelt. Sie gehen dabei so weit, dass Sie die britische Authentizität nicht nur in der Historie betonen, sondern ebenfalls im Blut haben. Wie wichtig war dieser Aspekt in der Entwicklung des Unternehmens seit der Übernahme?
Das war enorm wichtig für uns, da unsere Marke im Wesentlichen aus zwei Dingen besteht: zum einen aus dem, was sie heute darstellt, und zum anderen, was sie in der Historie über die Jahre an Markenattributen angesammelt hat, an dem Mythos und allen Gedanken, die man mit dieser Marke verknüpft. Ein wesentlicher Teil der Vergangenheit ist dabei „Britishness“ mit Assoziationen wie „dunkelgrün“, „Le Mans“, „Rennerfolge“, aber auch „Eleganz“ und die meisterhafte Verarbeitung von Materialien wie zum Beispiel Leder und Holz. Das ist auch das, was Ihnen die Leute antworten, wenn man sie nach der Marke Bentley fragt. Wenn Sie das „Britische“ wegnehmen, ist die Marke nicht mehr da. Wir tun alles, um diese Authentizität zu bewahren, wir waren und wir sind eine durch und durch englische Company. Wir haben an Einflüssen aus Deutschland relativ wenig. Auf einem anderen Blatt steht, wie viele Vorteile wir dadurch genießen, dass wir Teil einer großen deutschen Automobilgruppe sind. Im Alltagsgeschäft leben und handeln wir wie eine englische Company, tun das, was wir für richtig halten und wenn wir in dem einen oder anderen Punkt Hilfe brauchen, gehen wir uns die irgendwo im Konzern holen – nicht umgekehrt, wir bekommen keine Glücksinjektionen „zwangsverordnet“. Das ist unser Erfolgsprinzip, das wir mit Wolfsburg eine Beziehung haben, die uns vieles ermöglicht, aber nichts aufdrängt. Das macht auch die Akzeptanz der Deutschen hier in der Firma sehr gut, weil die deutschen Mitarbeiter hier Gott sei dank nicht als „Zwangsbeglücker“ auftreten, sondern einfach als Hilfe, wenn man will, nicht weil man muss. Natürlich mache ich keinen Hehl daraus, dass die jüngste Erfolgsgeschichte von Bentley ohne die Hilfe aus Wolfsburg nicht möglich gewesen wäre.
Wo liegen die größten Vorteile in der Zusammenarbeit mit dem VW-Konzern?
Die Hauptfelder, wo eine starke Muttergesellschaft wirklich hilfreich ist, das ist erstens dieser enorme Technikbaukasten, wo wir in jeden Winkel der neuesten und innovativsten Technologien schauen können, darauf Zugriff haben und letztendlich auch nutzen können. Zweitens ist natürlich auch die enorme Einkaufsmacht ein Thema, wir allein mit unseren kleinen Stückzahlen hätten da weit größere Probleme. Aber wenn Sie zu den besten und größten Zulieferern gehen, die uns allein wahrscheinlich gar nicht angucken, und wir unsere Teile auf dem Rücken von zwei Millionen Golfteilen verhandeln können, dann sieht das Ganze schon deutlich anders aus. Das Dritte sind die Facilities, also Riesentestgelände in fast allen Teilen der Welt. Ob wir unsere Fahrzeuge in extremer Hitze oder Kälte oder auf Prüfständen nach dem neuesten Stand der Technik testen wollen, mit den innovativsten Messmethoden – auf all das haben wir jederzeit Zugriff, egal, ob in Wolfsburg, Ingolstadt oder Südafrika. Diese drei Fälle, Technologiezugriff, Einkaufspower und Facilities, sind das, was in Zukunft jede erfolgreiche Marke zwingend braucht, ohne das hat man praktisch keine Chance.
Ein Meilenstein war die geniale Markteinführung des Continental GT. Welche Käuferschicht hatten Sie bei seiner Entwicklung im Visier?
Wie eingangs erwähnt, haben wir uns auf den Markenkern besonnen. Das Racing-Feeling unter dem Motto The Bentley Boys are back war die Grundlage zur Entwicklung eines Sportcoupés mit überragenden Fahreigenschaften, gepaart mit größtmöglichem Komfort und luxuriösen Interieurs. Liebhaber von Automobilen, die manchmal gerne einmal etwas zügiger unterwegs sind, manchmal aber das komfortable Cruisen bevorzugen, in Verbindung mit der großen Legende der Marke Bentley – das war und ist unsere Zielgruppe.
Welches sind die Alleinstellungsmerkmale des Continental?
Das Alleinstellungsmerkmal des Continental GT leitet sich aus der Geschichte ab, wobei wir ja eine zweigeteilte Historie erlebt haben, wenn man so will. Wir haben die reine WO-Bentley-Geschichte bis 1930, wo eindeutig die Hauptcharakteristik der Marke große, schwere Autos mit einem starken Hang zur Sportlichkeit waren. Diese waren auf der reinen Engineering-Seite zu Hause, hier zählte Leistung pur und nicht etwa Attribute wie Komfort und Luxus. Die Leute, die damals einen 6½-Liter gefahren sind, waren nicht unbedingt die mit lackierten Fingernägeln und feinen Manieren, sondern Autofahrer, die richtig zupacken konnten und die richtig Power im Blut hatten. Danach hat die Rolls-Royce-Zeit begonnen, bis dann 1998 die Übernahme durch den Volkswagen-Konzern erfolgte. Wir können nicht bestreiten, dass unter der Rolls-Royce-Ägide die Marke viel an Eleganz und in Richtung hochwertiger Materialien weiterentwickelt wurde. Der R-Type Continental galt als Designvorlage des vielfach preisgekrönten Bentley Continental GT.
Zum Beispiel der R-Type Continental oder der Mulsanne Turbo: Beide Modelle fallen in diese Ära und haben Bentley sehr geprägt. Wenn ich also heute die Summe analysiere, dann muss man schon sagen, dieses etwas Brutale, Engineering-Getriebene im Zusammenhang mit der Mischung aus Luxus und Komfort der Rolls-Royce-Zeit machen heute die Marke aus. Diese Kombination aus viel Sportlichkeit, viel Drehmoment, sehr hoher Spitzengeschwindigkeit, gepaart mit großer Eleganz und der fantastischen Verarbeitung exklusivster Materialien machen deutlich, was unsere Alleinstellung ist. Es gibt viele Autos, die sind genauso sportlich wie wir, die bieten aber nicht den Luxus, und es gibt viele Marken, die sind ebenso luxuriös, bieten aber nicht die Sportlichkeit. Was den Kunden reizt, gerade beim Continental, ist diese Kombination aus Hochleistungssportwagen mit absolut relaxtem, komfortablen Fahren, das hat niemand sonst. Sie können auf der Autobahn dahingleiten und entspannt Radio hören, oder, wenn Sie andererseits Lust haben, dann ärgern Sie jeden Ferrari. Durch unseren enormen Technologiezugriff kann man sicherlich behaupten, dass der Continental eines der modernsten Autos ist, das sich auf dem Markt befindet.
Wie groß ist der Anteil der Continental-Baureihe an der Gesamtproduktion?
Der Anteil des Continental beträgt mehr als 80 Prozent der Gesamtproduktion. Die gesamte Wiedergeburt der Company ist Volkswagen durch den Continental gelungen, wenngleich wir auch keinen Hehl daraus machen, dass von der Bedeutung für die Marke der Arnage sicher mehr als 20 Prozent Anteil hat. Beide Modellreihen sind wichtig, um der Marke ihre Positionierung zu erhalten, darum haben wir uns auch entschlossen, die Arnage-Baureihe weiterzubauen und weiterzuentwickeln. Als ich den Posten hier in Crewe übernahm, war das nicht klar, aber jetzt steht das eindeutig fest.
Kommen wir zu einem anderen Thema. Der Mythos „Bentley“ basiert ja zum Großteil auf seinen leistungsstarken Motoren. Ihr Engagement in Le Mans und die hier erreichten Erfolge unterstreichen die Attribute der Marke wie „Speed“, „Power“ und „Racing“. Auf dem Genfer Autosalon überraschten Sie die Fachwelt mit der Präsentation des Bentley Continental Supersports, des stärksten und extremsten Bentleys, der je gebaut wurde – und der mit Biokraftstoffen fährt. Wie sieht Bentley’s Strategie zum Umweltschutz und zur Wirtschaftlichkeit der Motoren aus?
Mit dem Launch des „Bentley Continental Supersports“, dem schnellsten und stärksten Bentley, den es jemals gab, ist uns sicherlich ein Coup gelungen. Außer seiner Leistung von 630 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von 329 km/h ist das Faszinierende an diesem Fahrzeug, dass es als erster Supersportwagen der Welt mit „Flexi-Fuel“ fährt, also mit normalem Benzin, oder alternativ mit Bioethanol. Wir erreichen dabei eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes in Höhe von 70 %. Bis zum Jahr 2012 werden alle Modelle von Bentley in der Lage sein, weniger als 120 g/km CO2 auszustoßen (Basis: Wheel-to-Wheel-Berechnung). Dies ist ein wichtiger Schritt in der Geschichte von Bentley, der die wachsenden Erwartungen unserer Kunden auf der ganzen Welt in Bezug auf leistungsstarke Fahrzeuge mit effizienten Motoren widerspiegelt. In unserem Segment setzen wir damit einen Meilenstein, indem wir es ermöglichen, dass sich jeder unserer Motoren mit erneuerbaren Kraftstoffen betreiben lässt. Dies unterstreicht einmal mehr die Innovationskraft unserer Engineering-Abteilung.
Was sind die Vorteile von Biokraftstoffen der 2. Generation?
Auf Basis des Wheel-to-wheel-Ansatzes ermöglichen sie eine konstant hohe Nettoreduzierung der CO2-Emissionen um bis zu 90 Prozent. Sie stellen keine Konkurrenz zu Nahrungsmitteln als Rohstoffbasis dar, da nur Biomasseabfälle zur Kraftstoffgewinnung eingesetzt werden.
Gibt es weitere Maßnahmen zur Optimierung der Wirtschaftlichkeit der Motoren?
Außer einer Gewichtsreduzierung der Fahrzeuge arbeiten wir an einem neuen Antriebsstrang, der ebenfalls bis 2012 fertiggestellt sein wird. Unter Beibehaltung des gegenwärtigen Leistungsniveaus wird er eine Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs um 40 Prozent ermöglichen.
Mit den jetzt fünf Continental-Modellen, dem Brookslands, dem Arnage und dem Azure verfügen Sie über eine Modellpalette von acht unterschiedlichen Fahrzeugen. Gerade bei dem Arnage, der seit 1998 gebaut wird, könnte ich mir vorstellen, dass der Markt auf ein neues Fahrzeug wartet. Wie sieht Ihre weitere Modellpolitik aus, worauf dürfen sich die Liebhaber der Marke Bentley in den nächsten Jahren freuen?
Wir haben ja auf dem Autosalon in Paris einen Arnage vorgestellt, der „Arnage Final Series“ heißt. Dies kann ja zweierlei bedeuten, entweder es ist aus und vorbei oder es gibt demnächst etwas Neues. Da wir uns weiter mit dem Arnage beschäftigen, ist die Antwort klar, dass da etwas Neues kommen wird. Ende dieses Jahres erfolgt die Vorstellung des Nachfolgemodells.
Sie veranstalten sehr attraktive Events für Ihre Kunden, wie die Italian Grand Tour, Power & Passion in England oder das legendäre Power on Ice in Finnland. Was fasziniert Ihre Klientel an diesen besonderen Events?
Ich fahre immer zu meinen eigenen Test-Events, da weiß ich schon, was mich fasziniert. Unsere Kunden schätzen besonders, dass sie hautnah erleben, was ein Bentley alles kann, da rechnet ja keiner mit, besonders wenn es in die Grenzbereiche geht. Wenn Sie in Finnland erleben, mit welcher Leichtigkeit und Souveränität der moderne Allradantrieb des Bentley auch kilometerlange Eisflächen bezwingt, das ist schon bewundernswert. Auch eine „Hot Lap“ in Hockenheim als Beifahrer von Derrick Ball, dem fünfmaligen Le-Mans-Sieger, ist schon ein Erlebnis der eher unvergesslichen Art. Unsere Events sind Erlebnisse, die man sich normal nicht kaufen kann, als weiteren Aspekt dienen sie natürlich dazu, sein eigenes Fahrzeug, zum Beispiel bei Glätte, besser zu beherrschen. Übrigens hält der vierfache finnische Rallyeweltmeister Juha Kankkunen den Geschwindigkeitsweltrekord auf Eis mit einem Bentley Continental GT: Auf einer Strecke von zwölf Kilometer betrug die Durchschnittsgeschwindigkeit 321 km/h, die Höchstgeschwindigkeit sogar 331 km/h.
Ich habe gelesen, dass Sie ein begeisterter Liebhaber von Oldtimern sind. Verraten Sie uns Ihre persönlichen Favoriten?
Ich bin sehr gerne und natürlich sehr oft in England und ich habe ein kleines Ferienhäuschen in Italien. Natürlich habe ich historische Bentley, aber ich habe auch einen alten Lamborghini. Ich habe momentan noch keinen deutschen Oldtimer, weil das immer zu Konfliktsituationen führt, aber irgendwann wird auch ein deutsches Modell in meiner Sammlung landen. Persönliche Favoriten in dem Zusammenhang ist eine Frage, die ich nicht so gerne beantworte, denn ich habe einfach eine Liebe zu Autos. Jedes meiner Fahrzeuge hat seinen eigenen Charme und zu jedem könnte ich eine Geschichte erzählen, nur das würde hier sicherlich zu weit führen. Vielleicht so viel: Mein günstigstes Auto ist ein Morris 1000, den ich an der Theke einmal einem Händler abgekauft habe, ein originales Auto, nur 40000 Meilen gelaufen, mit typisch hellgrüner Farbe und mit cremefarbenen Rädern, das Auto hat einfach Charakter.
Das Interview führten Thomas und Martina Klocke, Herausgeber und Verleger von HIGH LIFE, Internationaler Lifestyle für Männer. Das vollständige Portrait lesen Sie in der HIGH LIFE Ausgabe Heft 20.
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