HIGH LIFE Heft 18 | 2008
Il Borro
Ein toskanisches Revival
Ferruccio Ferragamo ist Schöpfer einer weltweit klingenden Modemarke, und er liebt die Toskana. Zu erleben auf Il Borro, dem Landgut, das ihm eine zauberhafte Wiedergeburt verdankt.
TEXT: GÜNTER NED | FOTOS: IL BORRO
„Il Borro ist ein kleines Dorf in der Toskana. Es wurde vor hunderten von Jahren mit Geduld und Aufopferung gebaut, jedes architektonische Detail akribisch geplant. Wer heute das Glück hat, Il Borro zu besuchen und sich dem Erlebnis wirklich hingibt, der hat den Eindruck: Hier ist eine Malerei aus der Renaissance lebendig geworden.“ Es ist Salvatore Ferragamo, der so zuneigungsvoll von diesem traumhaften toskanischen Projekt spricht. Wohlgemerkt, es handelt es sich nicht um jenen Salvatore, der 1914 in die Staaten auswanderte, dort als Schuhmacher der Stars berühmt wurde, danach mit seinen Visionen, seinem genialen Design in die italienische Heimat zurückkehrte und mit dem Glück gesegnet war, einen nicht weniger genialen Sohn Ferruccio zu haben.
Letzterer machte den Namen Ferragamo zur weltweit legendären Mode- und Lifestyle-Marke. Der Salvatore Ferragamo, der heute das Projekt Il Borro managt, ist der Enkel des erfolgreichen Auswanderers, und dass es das Projekt überhaupt gibt, hat die Toskana seinem Vater zu danken.
Als sich Ferruccio Ferragamo bei einem Jagdausflug in Il Borro verliebte, in das Dorf, in die große Villa, in die herrliche Landschaft, schrieb man das Jahr 1985. Nachdem er das Landgut dann jahrelang gemietet hatte, bot sich 1993 die Gelegenheit, Il Borro von seinem damaligen Besitzer, dem Herzog Amedeo D‘Aosta zu kaufen. Was die Familie Ferragamo nun ihr eigen nannte, war von den Zeiten gezeichnet.
Das Dorf glich einer Ruine, eine Bombe im letzten Krieg hatte Teile der Villa zerstört, und doch strahlte der Ort eine Magie aus, der man sich nicht entziehen mochte – kein Wunder, hält man sich vor Augen, wieviel Geschichte in diesen Steinen, in diesem Land gebannt sind. Große Familien besaßen Il Borro, die Pazzi, die Savoias, die Medici-Tornaquinci. Die Kämpfe zwischen Florenz und Arezzo fanden hier oft ihren Schauplatz. Il Borro brachte berühmte Kriegsherren hervor, aber auch Männer, die die begnadete Fruchtbarkeit des Landguts unweit des Arno immer wieder zum Blühen gebracht hatten, den Olivenanbau, die Viehwirtschaft und natürlich den Wein.
Ferruccio Ferragamo sah und spürte, was da in pittoresker Schönheit, eingebettet in die hinreissende toskanische Natur, darniederlag, und er ging daran, den Bildern, die ihm auf Il Borro vorschwebten und die sich aus vergangenen Zeiten nährten, reales Leben zu geben, in seiner eigenen Zeit.
Und so finden Gäste Il Borro, in Valdarno am Fuß der Pratomagno-Berge gelegen, in einer faszinierenden Wiedergeburt begriffen. Das alte Dorf steht malerisch, wie es einst war, eine romantische Steinbrücke führt hin, über dem engen Tal des Lorenaccio. Eine Osteria hat aufgemacht, dort speist man die Leckereien der Region, Läden mit Kunsthandwerk sind entstanden, die Villa erstrahlt in ihrer ursprünglichen Schönheit, die italienischen Gärten sind wieder da. Bauernhäuser und andere Gutsgebäude wurden und werden restauriert – alles Wohnungen für Besucher, sie genießen einen Agrotourismus der ganz besonderen Art.
Auf den Weiden gedeihen Chianina-Rinder, ihr Fleisch ist ideal fürs Bistecca Fiorentina. Jäger freuen sich über Wälder voller Wild. Man presst feinstes Olivenöl extra vergine und, wie könnte es in der Toskana anders sein: Ferruccio Ferragamo hat auf Il Borro den Weinbau wieder aufgenommen, zusammen mit Sohn Salvatore und dem Önologen Niccolò d‘Afflitto – die Ergebnisse sind vorzüglich.
Wein kultivierten auf dem Landgut bereits die Etrusker. Er wurde seit dem 18. Jahrhundert dank der Familie Medici-Tornaquinci besonders gefördert, und die gegenwärtige Renaissance folgt der Philosophie des gesamten Projekts: Was Steine und Land bergen, soll die neue Zeit wieder zum Florieren bringen. Entsprechend einfühlsam ging man bei der Rebpflanzung vor. Niccolò d‘Afflitto: „Wir nutzten jede mögliche Kenntnis und Erfahrung aus dem Weinbau und der Landwirtschaft. Wir wollten feine Weine machen, und sie sollten Il Borros Lagen reflektieren. Wir haben die Erde analysiert, wir haben alle bodenkundlichen und klimatischen Merkmale der Parzellen studiert, erst dann trafen wir die Entscheidung über die Rebsorten.“
Auf Politi, in 350 Meter Höhe, wächst nun die toskanische Traube schlechthin, Sangiovese (in drei unterschiedlichen Klonen); am Valdarno-See, von einem Bewässerungssystem unterstützt, Cabernet Sauvignon; und auf dem steinigen Plateau von Laterina Syrah. Resultat: zwei vorzügliche Cuvees und eine ausgezeichnete reinsortige Kreszenz – Weine von dicht gepflanzten Rebstöcken, aus reduzierten Eträgen, handverlesenen Trauben und gereift in französischem Barrique: El Borro, eine Cuvee aus Merlot, Cabernet Sauvignon, Syrah und Petit Verdot; Polissena, reinsortig Sangiovese; und Pian di Nova, eine Cuvee aus Sangiovese und Syrah.
Will ein Winzer derart exzellente Weine machen, braucht er Geduld, Vertrauen in die Dauer. Das scheint Symbol zu sein für dieses ganze toskanische Unternehmen. Ferruccio Ferragamo: „Il Borro ist ein Akt des Glaubens, des Glaubens an die Zeit.“
Weitere Infromationen: www.ilborro.it
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