HIGH LIFE Heft 13 | 2007
MALLORCAS SCHWARZE SEELE
An Negra, der Kultwein der Baleareninsel
Die Römer brachten den Weinbau nach Mallorca, und schon damals war er berühmt für seine Qualität. Durch das heiße Klima erreichte er hohe Alkoholgrade, die ihn besonders haltbar machten. Ende des 19. Jahrhunderts vernichtete Reblausbefall die Weinberge und der mallorquinische Weinbau verlor international den Anschluss. Mit dem Beginn des Mallorca-Booms der neunziger Jahre sind junge, qualitätsorientierte Winzer wieder mit Leidenschaft dabei, anspruchsvolle und außergewöhnliche Kreszenzen zu produzieren. Die drei Freunde Francesc Grimalt, Pere Ignasi Obrador und Miquelàngel Cerdà kreieren aus der autochthonen Rebsorte den Kultwein An Negra, der mittlerweile auch in zahlreichen deutschen Spitzenrestaurants einen Stammplatz auf der Weinkarte hat. Liebhaber der „Schwarzen Seele“ Mallorcas genießen ihn bevorzugt aus Magnumflaschen.
TEXT: GÜNTER NED FOTOS: YDO SOL, WOLF CLOSS
FRANCESC GRIMALT, PERE IGNASI OBRADOR UND MIQUELÀNGEL CERDÀ sind die Männer hinter Anima Negra oder, wie er heute aus rechtlichen Gründen schlicht heißt: An. Mit dem Anima-Negra-Jahrgang 98, einem (fast) reinsortigen Rotwein aus der autochthonen Rebsorte Callet, katapultierten sich die drei Jungs aus Felanitx auf die Top-Ränge der Inselweine. Seither gilt Anima Negra bzw. An als der Kultwein Mallorcas. Welches Geheimnis steckt dahinter?
Schwer zu greifen. Soviel wurde bei unserem Besuch klar. Hier arbeiten drei Männer mit Lust zum Ungewöhnlichen, mit Offenheit für jede Inspiration, mit passionierter Kompromiss- losigkeit ideal zusammen, und der Humor scheint ihnen dabei nicht auszugehen. Glaubt man ihrer Erzählung, wurde das Weingut An Negra aus einer Schnapslaune heraus geboren, vor zehn Jahren um 4 Uhr morgens auf dem Volksfest von Felanitx.
Vom ersten Wein haben sie gerade mal zwei Fässer gemacht. Das war auf dem Bauernhof von Pere (heute ist dort das Weingut). Er betrieb damals mit zweihundert Kühen Milchwirtschaft. Vergoren wurde der Wein in Peres Milchtanks. Miquelàngel fuhr da noch mit Touristen, die sein Boot chartern konnten, aufs Meer hinaus. Francesc war der einzige Weinprofi, arbeitete als Önologe für Santa Catarina (Andratx), hatte seinen Beruf in Madrid, im Penedes und im Priorat gelernt.
Dann machten die drei Nägel mit Köpfen. Pere verkaufte seine Kühe, Miquelàngel sein Boot, damit schafften sie sich Fässer an, pachteten Weingärten. Heute versuchen sie, rund um Felanitx so viele Callet-Lagen wie möglich zur Verfügung zu haben. Um sie zu kriegen, nehmen sie auch jede andere Rebsorte mit in Kauf, genauso jüngere Rebstöcke, obwohl sie An nur aus den ältesten machen, deshalb reicht das Rebstockalter von 20 bis zu 80 Jahren. 70% ihres Reblandes haben sie gepachtet, das bearbeiten sie selbst. Die restlichen Trauben kaufen sie zu, kontrollieren aber überall die Arbeit im Weinberg, den Schnitt, die Selektion der Trauben etc.
Vergoren wird ihr Wein nach wie vor in Peres Milchtanks. Sie haben sich als optimal erwiesen, allein schon durch die große Oberfläche. Neue wurden dazugebaut, aus lackiertem Beton; aber auch in Holzfässern, die nach den Proportionen der Milchtanks geküfert wurden, fermentiert der Wein, und zusätzlich noch in Barriquefässern, bei denen einfach das Spundloch offen bleibt – in solcher Variationsbereitschaft scheint ein wichtiger Teil des Erfolgs zu stecken, gerade auch bei der Reifung. An lagert seit dem 2003er Jahrgang komplett in Barriquefässern aus neuer Eiche (Pere: „Der Callet braucht einen hohen Holzeinsatz, damit sich die Frucht später optimal entwickelt“), aber es ist Eiche aus unterschiedlichen Ländern, und in den Fässern reift der Wein in variantenreichen Aufteilungen und Zusammenstellungen, scheinbar ohne Ende differenziert nach Terroirs, nach Lagen, nach Lagenkombinationen.
Für die gemeinsame Reifung zusammengefasst werden zum Beispiel vier alte Weingärten mit besonders mineralischen Böden und mit Rebstöcken, die sich um die Nahrung mit Aprikosenbäumen streiten müssen. In den besten Jahren entsteht daraus der Spitzenwein Son Negre.
Wir kosteten den An 2003 aus mehreren Fässern: Jedes Fass schmeckte anders. Erst ganz zum Schluss, nachdem der Wein in den einen Fässern vielleicht 12 Monate, in anderen möglicherweise 17 Monate gereift ist, kommen die separaten Weine zueinander. Das perfekte Mischungsverhältnis macht dann den spezifischen neuen Jahrgang aus. Miquelàngel: „Wir wollen keinen uniformen Wein. Wir wollen die Unterschiede der Terroirs potenzieren.“ Wenn diese Ausgabe erscheint, dürfte die Coupage des An 2003 gerade in Gang sein. Es wird davon um die 24 000 Flaschen geben. 2002 gab es keinen An. Der Jahrgang war für die Ansprüche der drei Perfektionisten zu schwach. Also warfen sie ihr ganzes Rebgut zusammen und kreierten einen zweiten Rotwein (will man genau sein und Son Negre mitzählen, ist es natürlich der dritte), den An/2. Der Jahrgang 2003 ist inzwischen mit zirka einhunderttausend Flaschen im Handel. Er besteht zur einen Hälfte aus Callet von jüngeren Rebstöcken, zur anderen aus etwa elf unterschiedlichen – autochthonen wie internationalen – Rebsorten, und als hätten Francesc, Pere und Miquelàngel Zauberhände: Das ist kein Zweitwein im üblichen, qualitätsmindernden Sinn. Das ist schlicht eine neue, außergewöhnliche An-Negra-Kreszenz.
Ganz aktuell experimentieren die drei aus Felanitx mit weißen Reben. Wir kosteten in Fass mit der autochthonen Rebe Prensal Blanc und ein anderes mit einer Cuvée aus Sauvignon Blanc und Muscat, beide Jahrgang 2004.
Den An 2004 probierten wir während der malolaktischen Gärung. Francesc, Pere und Miquelàngel waren sich einig: „Wir denken, das wird der kräftigste und ausgeglichendste Callet, den wir jemals gemacht haben. Deshalb hoffen wir auf einen guten Jahrgang.“
BEZUGSQUELLEN:
Die An-Negra-Weine sind zu beziehen übers Internet:
» www.mallorca-mercado.de
» www.vinos.de
Auf Mallorca zum Beispiel La Vinoteca, Palma,
oder Malvasia Vins, Palma,
» http://www.malvasiavins.com
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