HIGH LIFE Heft 10 | 2006

© FOTO: STEVEN ELLISON / CORBIS OUTLINE

BUSINESS SHOULD BE FUN!

Sir Richard Branson ist ein Abenteurer. Schon allein seine Weltrekorde im Heißluftballon-Fliegen machten ihn berühmt. Mit Steve Fossett versuchte er mehrmals, die Erde zu umrunden, und so ganz nebenher wurde er als Unternehmer zum Milliardär.

INTERVIEW VON LINDA MARX/IFA FOTO: STEVEN ELLISON / CORBIS OUTLINE

Was ihm das schlechte Wetter im Ballon verwehrte, hat er im Business geschafft: Die Firmen seiner Virgin-Gruppe gehen längst um den Erdball. Frappierend dabei Richards Bransons Vielseitigkeit: Er brachte Airlines ebenso zum Erfolg wie Musiklabels und Luxusresorts.

DAS TIDES HOTEL IN SOUTH BEACH: DER BRITISCHE MILLIARDÄR
Sir Richard Branson sitzt mit struppigen Haaren beim Lunch. Er kaut an einem Salat, einer Spinatpasta, führt Gespräche am Handy, bespricht sich mit Mitarbeitern, trifft Vorbereitungen für den nächsten Dreh. Schauplatz: eine 40-Meter-Yacht mit dem Namen „Never Say Never“ auf Fisher Island, Miami Beach. Die Reality-Show „Rebell und Milliardär: Branson findet den Besten“ war mit ihren 13 Folgen der Renner der letzten TV-Saison.

Branson, 55, ist Milliardär, Abenteurer rund um den Globus, Weltrekordler, Hippie-Unternehmer, dazu Gründer und Chairman der hoch diversifizierten Virgin-Gruppe – ein Konzern mit Sitz in London und Tentakeln, die um die Welt greifen.

Branson, ca. 5 Milliarden US$ wert, tourte den ganzen letzten Sommer und Herbst hektisch um den Globus und stand dabei von früh bis spät an den exotischsten Locations vor der Kamera. Mit ihm besetzt: 16 Amerikaner, jeder von ihnen ein Möchtegern-Milliardär.

Jonathan Davis, Fox Television: „Wir waren dreist und hielten sie mit Witz ständig im Ungewissen. Richard verkörperte genau das, was wir im Entertainment suchen. Er brachte viel mehr als wir je gehofft hatten.“

Branson, der seine Zeit teils in London, teils in Oxfordshire verbringt, erwies sich wieder einmal als Bilderstürmer im besten Sinn des Wortes, aber er gibt zu, es habe ihn etwas ermüdet, über drei Monate unterwegs zu sein und vor der Kamera seine persönlichen Stunts zu zeigen.

„Ich habe so was noch nie zuvor gemacht“, versichert der Brite, sitzt da in weißen Khakis, Kurzarmhemd, spricht ganz ruhig, bestellt einen Café Latte, trinkt ihn dann nicht. „Da können Sie sehen, warum wir Virgin heißen. (Virgin ist bekanntlich das englische Wort für Jungfrau, d. Red.) Diese Show sollte uns in Amerika auf die  Tagesordnung setzen.“

Und das hat sie geschafft. Branson und seine Akteure reisten 90.000 Kilometer, durch vier Kontinente und acht Länder, immer an Bord, versteht sich, seiner eigenen, komfortablen Virgin-Atlantik-Maschinen. Das Team blieb an jeder Location vier bis fünf Tage, absolvierte wilde Stunts und machte dabei Bekanntschaft mit denEinheimischen.

„ES IST INTERESSANT UND SEHR ANSTRENGEND, ABER ICH LEBE SO ETWAS
mit jeder Faser“, begeistert sich Branson, einer der Produzenten der Show. „Ich muss immer alles perfekt machen, koste es, was es wolle.“

Branson – verheiratet mit seiner Frau Joan seit 30 Jahren, zwei Kinder: Holly, 24, und Sam, 20, beide studieren – hat die Idee der Show mit Lori Levin-Hyams zu Papier gebracht, seit 20 Jahren stellvertretende PR-Chefin der Virgin-Gruppe (sie ist Amerikanerin, lebt in New Jersey und gehört ebenfalls zu den Produzenten der Show). Die beiden legten Fox die Idee vor, weil Branson fand, es wäre gut, genau dann seinen Namen auf dem amerikanischen Markt stark zu machen, wenn er seine Luxus-Airline „Virgin American Airways“ (tolle Betten, Massagen während des Fluges etc.) herausbrachte. Das war im Frühjahr, und er hoffte auch, damit „Jet Blue“ und „Blue Star“ tüchtig Konkurrenz zu machen.

„Richard ist immer faszinierend“, sagt Lori Levin-Hyams, „aber diese Show war das Aufregendste, das wir bei Virgin jemals gemacht haben. Er gab in dieser Serie alles. Er hauchte dem Programm sein eigenes Leben ein. Er brachte Reality-TV zu einer neuen Dimension.“

In dieser in der Tat faszinierenden Serie sucht Branson eine Ausnahmepersönlichkeit zwischen 18 und 30 Jahren, die körperlich und geistig all das hat, die ganze Impulsivität, die es braucht, um in seine Fußstapfen zu treten.

Die Folgen hatten kein festes Drehbuch. Stattdessen testet Branson die Courage seiner Anwärter, indem er sie dazu bringt, einige seiner brillantesten Abenteuer am eigenen Leib zu erleben, einen Sprung von einem 120 Meter hohen Gebäude zum Beispiel oder eine Landung im Heißluftballon auf den Victoria-Fällen. Die Teilnehmer werden mit den gleichen Herausforderungen und persönlichen Dilemmas konfrontiert, denen sich Branson gegenüber sah – auf seinem Weg zu einem der erfolgreichsten Draufgänger und Milliardäre der Welt; und von allen ist sicher er derjenige, der dabei am meisten Spaß hat.

BRANSON HAT DEN BEGRIFF WORKAHOLIC NEU DEFINIERT. ER IST  besessen, eingenommen und hingerissen von seiner Arbeit. Gehörte es nicht zu seinem Leben, sein Business Stufe um Stufe höher zu treiben wie ein Wirbelwind und nie ohne Knalleffekte, er fände es nicht lebenswert. Er wandelt auf dem schmalen Grat zwischen zwei Identitäten: exzentrisches Genie hier, taube Nuss dort.

Nur ein Beispiel: Der Astronaut Buzz Aldrin, ein Kumpel von Branson, sollte in der Show mitwirken. Er lebt in Los Angeles und musste die Teilnahme an der Miami-Beach-Folge absagen. Grund: der Hurrikan Frances. Doch die Männer diskutierten am Telefon sofort die nächste Folge:

BA: „Richard, Deine Stunts sind übler als alles, was wir Astronauten gewöhnt sind. Davon wird uns schlecht.“
RB: „Gut, ich hoffe aber, jeder von Euch übergibt sich in meinen Logofarben.“

Viele der exotischen Lokalitäten, zu denen das Fox-Team mit Virgin Atlantic Airways reiste, waren natürlich in Bransons Besitz – waren Teil seines Freizeit-Portfeuilles. Sie filmten in seinem Wildreservat in Afrika. Die spezielle Herausforderung dieser Folge stellte das ganze Dorf und das Leben von 5.000 Menschen auf den Kopf.

„Eine Begegnung mit Leoparden brachte uns in wirklich unangenehme Situationen“, erzählt Branson. „Jede Epsiode hatte einen extremen Schluss, die Leute hielten den Atem an. Ich wollte immer testen: Wie werden die Teilnehmer mit extremen Situationen fertig.“

Andere Destinationen bezogen Hongkong ein, Japan, Fisher Island und Necker Island, jene luxuriöse Privatinsel (40.000 US$ pro Nacht) im Besitz von Branson, auf der er jedes Jahr einige Monate mit der Familie verbringt.

 

„Dieser Insel verdanke ich, dass ich noch nicht geschieden bin“, lacht Branson, „hier habe ich für meine Frau Zeit. Wir lieben es, hier zu sein.“

Die Mitspieler wussten bis zur Ankunft nie, wohin sie geflogen wurden. Sie konnten wunderschöne Landschaften in wechselnden Kontinenten und Ländern erleben, aber jeder war sich dessen bewußt, dass es sehr uncool wäre, Sir Richard – er wurde im Dezember 1999 geadelt – zu enttäuschen. Er hat niemanden überfordert, aber er war sehr, sehr anspruchsvoll.

David Moth, Direktor des Tides Hotels, hat früher für Branson auf Necker Island gearbeitet: „Richard ist ein durch und durch loyaler Mensch. Er hat eine gute Einstellung, aber du musst jederzeit damit rechnen, dass er dich gleich zum Segeln herausfordert oder zu einem Flug im Heißluftballon. Langweilig wird es mit ihm nie.“

BRANSON WURDE AUF DEM LAND GEBOREN, IN ENGLAND. SEIN VATER war Anwalt, seine Mutter Hausfrau. Er war mit einer glücklichen Kindheit gesegnet, die meiste Zeit verbrachte er im Freien. „Ich wuchs im Dorf auf, kletterte auf Bäume, raufte mit Katzen. Ich war sehr sportlich und immer unterwegs, aber dann wurde ich in die private Stowe School geschickt, und die hasste ich.“

Der rastlose Junge wurde zum Legastheniker und versagte in Tests. Er ging viel lieber mitMenschen um, hatte ständig grandiose Ideen. 

„Als ich vierzehn war, rebellierte ich und gründete eine Zeitschrift für junge Leute“, erinnert sich Branson. „Sie hieß ,Student‘ und handelte von Menschen statt von Schulen. Um sie herauszugeben, bin ich sogar von der Schule abgegangen.“

Die Mutter wollte ihrem ambitionierten Sohn helfen und spendete vier Pfund für Post- und Telefonkosten. Er arbeitete im Keller und geizte mit allem, nur nicht mit großartigen Visionen für seine Zeitschrift. Die erste Nummer erschien 1968. Titelbild: ein Student, gezeichnet von Peter Blake, dem Mann, der das Sergeant-Pepper-Album der Beatles designte. Der Superstar gab ihm sogar ein Interview.

Branson, nicht feige, warb Anzeigen wichtiger Firmen ein und brachte Prominente, Minister, Rock-Stars und Intellektuelle dazu, für ihn Artikel zu schreiben. Als das Unternehmen ein Erfolg wurde, schrieb Bransons Direktor an der Stowe School seinem berüchtigten Studenten: „Gratuliere Branson, eines sage ich Ihnen voraus: Sie werden entweder im Gefängnis landen oder als Millionär.“ Nachdem er in „Student“ unter anderem auch über Musik und Schallplatten berichtet hatte, gründete er Virgin – zunächst als Versandhandel. Er sah, dass junge Leute verrückt nach Musik waren und bereit dazu, jede Menge Geld für Platten auszugeben, vor allem bei Versandadressen.

Als seine Versuche Erfolg hatten, eröffnete er einen Plattenladen in Londons Oxford Street. Zwei Jahre später baute er sich in Oxfordshire ein Aufnahmestudio, und dort nahm der erste Virgin-Künstler, Mike Oldfield, seine „Tubular Bells“ auf, erschienen 1973.

„Ich habe es produziert, und am Ende wurde seine Musik im Film ,Der Exorzist‘ eingesetzt“, sagt Branson, „und wenn ich daran denke, dass dieser Typ mit einer Kassette zu mir kam, die kein Mensch haben wollte ...“

Das erste Album der frisch gegründeten Virgin Records kam auf einen Absatz von 5 Millionen. Über all die Jahre hat Virgin Musik von Janet Jackson, Belinda Carlisle, Genesis, Phil Collins, The Rolling Stones, Peter Gabriel und Lenny Kravitz produziert und wurde damit zu einer der sechs besten Plattenfirmen der Welt. (Die Plattenlabels, der Musikverlag und die Aufnahmestudios der Virgin Music Group wurden 1992 in einem Milliarden-Dollar-Deal an THORN EMI verkauft.)

DAS BUSINESS DER VIRGIN-GRUPPE EXPANDIERTE MIT SEINEN MEGA-Stores, mit dem Internet, seinen Bücher- und Software-, Video- und Filmverlagen, mit Liebhaberclubs, Luxustourismus, exklusiven Hotels und Kinos auf 250 Firmen in 23 Ländern. Von Virgin gibt es in England Health Clubs, Hochzeitsläden, Kreditkarten, und allein die Handy-Abteilung kann vier Millionen Kunden vorweisen.

„Meine größte Herausforderung war, aus dem Nichts eine Fluglinie aufzubauen“, sagt Branson über Virgin Atlantic Airways, gegründet 1984. Sie ist heute die zweitgrößte britische Airline für internationale Langstreckenflüge. „Wir hatten gegen viele zu kämpfen, die uns aus dem Geschäft drängen wollten. Heute haben wir drei Fluglinien und 150 Maschinen. Wir haben die beste Airline der Welt im Spitzensegment, mit breiten Betten, Wandelgängen, Spezialisten für Massagen und Maniküre.“

(Ein Rückflugticket London–New York in der Business Class kostet 6 737,– bis 7000,– US$.) Virgin unterhält ein Flotte von Boeing-747- und Airbus-A340-Maschinen, die zu 25 Zielen weltweit fliegen, darunter New York, Miami, Boston, L.A., Orlando, San Francisco, Las Vegas, Washington, London, Hongkong, Tokio, Johannesburg und die Karibik.

Mit solchen Erfolgen als Antrieb übernahm Virgin 1997 die beiden heruntergekommenen britischen Eisenbahngesellschaften. Zunächst gab es viele Probleme zu lösen und Frustrationen zu verdauen, aber schließlich schuf Branson den modernsten Schienenverkehr der Welt.

„Wir nehmen Industrien aufs Korn, in denen die Kunden nur ausgenommen werden, finden heraus, wie wir sie besser behandeln können und verbessern dabei die Marke“, sagt Branson. Von Bauchlandungen wie mit Virgin Cola oder Virgin PCs lässt er sich nicht im Geringsten irritieren. „Demnächst will ich Weltraumtourismus erschwinglich machen und ein Hotel im All kreieren. Ich habe den Mond im Auge.“

Ab 2007 will Branson Flüge in die Schwerelosigkeit anbieten. Sie sollen zwei bis drei Stunden dauern und pro Flug ca. 190.000 US$ kosten. Um das Erlebnis auf die Spitze zu treiben, wird die Crew dabei Drinks servieren. Virgin Galactic ist ein Joint Venture zwischen Branson, Microsoft-Mitbegründer Paul Allan und dem Flugzeug-Designer Burt Ratan. Letzterer wird für den Launch der Raumfluglinie fünf Raketen in Fischform bauen. Während des dreistündigen Fluges an Bord des ersten Raumschiffs, der „V.S.S. Enterprise“, haben die Passagiere einen Blick auf die Erde aus 80 Kilometern Höhe. Analysten glauben, dass sich die Idee letztendlich zu einer lukrativen kommerziellen Nische entwickeln könnte.

Und neben all diesen Grillen brachten Bransons Wohltätigkeitsprojekte allein im Jahr 1989 27 Millionen Dollar auf, unter anderem mit Kampagnen wie „Comic Relief“. Über die Höhe seiner eigenen Spenden schweigt sich Branson aus, netter Zug. Aber Business bleibt Business, und das ist für Branson ein Abenteuer, das ihn sieben Tage die Woche auf Trab hält.

„Ich bin Abenteurer und Unternehmer“, sagt Branson, „und ich weiß: Wenn du irgendeines von den Dingen machst, die du wirklich willst, kannst Du schnell in große Schwierigkeiten kommen. Die Herausforderung lauert an jeder Ecke.“

Die aktuelle HIGH LIFE Ausgabe 3/2005, Heft 10, erhalten Sie in unserem Online-Shop, einfach auswählen und bestellen, oder genießen Sie HIGH LIFE dreimal im Jahr im kostengünstigen Abonnement frei Haus.

Die neuen Apps

Alle Apps in der Übersicht:
Die neuen » Lifestyle-Apps aus dem Klocke Verlag

Jetzt neu: Kindle Editions
Unsere eBooks als Kindle Editions » Alle Infos...

EXKLUSIVE HOTELS ONLINE BUCHEN

Wählen Sie aus unserer exklusiven Hotel-Kollektion von über 5.000 Luxus- & Designhotels in mehr als 130 Ländern.

Jetzt auf LIVING-FINE direkt online buchen:

Top Destinations  
» Paris » Malediven
» London » Mallorca 
» New York » Südtirol 
» Barcelona » Seychellen 
» Berlin » Mauritius 
» Wien » Côte d′Azur
» München  » Bali 

Weitere Destinationen finden Sie auf LIVING FINE unter
» Hotels online buchen


AUSZEIT FÜR GENIESSER

Bildbände zum Träumen, Verschenken und Genießen

Unsere wertvoll produzierten Bildbände, die bereits beim Lesen zum Träumen einladen, sind außergewöhnliche Präsente mit denen man lange in Erinnerung bleibt. 
» Unser exklusives Angebot ...