HIGH LIFE Heft 10 | 2006
Werner Eiseles „Formel 1 Legenden“
HELDEN IN IHREN BOLIDEN
Mit einer Kodak, einer Nikon oder einer Hasselblad bewaffnet, lebte der Stuttgarter Fotograf Werner Eisele 30 Jahre lang hart am Puls der Formel 1. Sein Bildband zeigt jetzt die Königsklasse des Rennsports in ihrer größten Zeit.
TEXT: GÜNTER NED FOTOS: WERNER EISELE
WER SIE SELBST ALS FAN ERLEBT HAT, die legendäre Epoche der Formel 1, der kann beim Blättern durch Werner Eiseles grandiosen Bildband schon mitunter die Gänsehaut spüren. Hier lebt eine Ära wieder auf, während der die Top-Klasse des Automobilrennsports Emotionen in einer Art weckte, die im 21. Jahrhundert nicht mehr möglich scheint, weder vor dem Bildschirm noch an der Rennstrecke. Damals kämpften Männer um den Sieg, die Jacky Icks, der große belgische Formel-1-Pilot, in seinem Vorwort als Ritter bezeichnet. Er selbst war einer von ihnen:
„Die Formel 1 von damals und heute ist wie Tag und Nacht. Im Grunde waren wir damals Amateure, die die Freiheit genossen, etwas Gefährliches zu tun. Die modernen Formel-1-Piloten fahren für eine einzige Firma, die ihnen genau vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen haben, sagen und nicht sagen dürfen. Wir dagegen waren allein für unser Tun verantwortlich. Keine Wissenschaft, keine Computeranalyse unterstützte uns in technischen Fragen. Wir waren auf Erfahrung, auf empirisch gewonnene Daten angewiesen und auf das Wissen und Können von Männern wie Colin Chapman, Jack Brabham oder Ken Tyrell. Das Ganze führte zu einer offenen, aufrichtigen Atmosphäre, in der Vertrauen die wichtigste Größe darstellte – letztendlich ging es um Leben und Tod.“
Kein Fan war damals näher an diesen Hochgeschwindigkeits-Individualisten dran als der Fotograf Werner Eisele. Von 1960 an schoss er von den großen Grand-Prix-Rennen einzigartige Fotos. Er fing in seinen fast 200 bisher unveröffentlichten Bildkompositionen nicht nur die Rasanz der Rennen ein. Er bringt die Atmosphäre von damals gerade auch durch ganz persönliche Einblicke zum Ausdruck: James Hunt, der vor dem Start noch eine Zigarette bis zum Filter inhaliert. Jacky Icks in ähnlicher Situation mit einem Glas salzhaltigem Wasser. Der 27-jährige Ferrari- Rennchef Luca de Montezemolo (heute Fiat-Konzernpräsident) im suggestiven Briefing mit Niki Lauda. Am Ende der Saison war der Österreicher zum ersten Mal Weltmeister. Der 32-jährige Jim Clark mit nachdenklichem Blick im Cockpit vor dem Start am Hockenheimring 1968. Der charismatische Schotte erlebte das Ende des Rennens nicht. Eiseles Foto zeigt das Wrack des Lotus, nachdem er an einer jungen Buche zerschellt war.
Jim Clark und den anderen 29 Formel-1-Piloten, die von der Gründung der Rennklasse 1950 bis zum Jahr 2004 in ihren Boliden starben, scheint Eiseles Bildband „Formel 1 Legenden“ ganz besonders gewidmet zu sein. Sie hießen Jochen Rindt, Lorenzo Bandini, Ronnie Peterson oder François Severt. Letzterer, der hübsche junge Frauenschwarm mit den melancholischen Augen, verunglückte
tödlich im Training. Daraufhin verzichtete sein Tyrrell-Kollege Jackie Stewart, einer der großen Helden jener Zeit, nach 27 Siegen (damaliger Rekord) auf seinen 100. Grand Prix. Das war 1973. Wenig später verkündete „Jack the Hair“ seinen Rücktritt vom Rennsport.
Werner Eisele: Formel 1 Legenden.
Mit einem Vorwort von Jacky
Icks. Collection Rolf Heyne, 2005,
304 Seiten, 192 Fotos, € 58
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