HIGH LIFE Heft 10 | 2006

10 MILLIONEN
FÜR EINE BESSERE WELT

Wir spazieren mit Florian Langenscheidt über die Dachterrasse des 5-Sterne-Hotels Mandarin Oriental, Munich. Irgendwo da unten liegt der soziale Brennpunkt  asenbergl. Dr. Langenscheidt kennt ihn gut. Seine Organisation „Children for a better World“ sorgt dafür, dass dort Kinder, die in Armut leben, täglich eine warme Mahlzeit kriegen. Mit einem herrlichen Blick auf die Dächer von München sprechen wir über Reichtum und Hunger, Verantwortung und Glück.

INTERVIEW GÜNTER NED  | FOTOS YDO SOL

„Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“, sagt Bertolt Brecht. „Das kommt drauf an“, sagt Florian Langenscheidt, 50. Der Spross der weltberühmten Verlegerfamilie studierte Literaturwissen-schaften, Philosophie und Publizistik in München, bevor er nach Harvard und Insead ging. Promoviert hat er über Werbung. Heute kulminieren seine Biographien Daten in einer solchen Menge und Vielfalt unternehmerischer und publizistischer Tätigkeiten, dass bei einem Normalbegabten dafür kein Leben reichte. www.florianlangenscheidt.de.

Unter anderem hat er 10 Bücher geschrieben. Das jüngste (2005 erschienen), eine charmante Verführung zur Lebenskunst unter dem Titel „Von Liebe, Freundschaft und Glück“, erlebt soeben seine zweite Auflage. Aufsehenerregend bei alledem: Das Hocheffiziente Engagement für Non-Profit-Projekte. Eines hat Florian Langenscheidt selbst ins Leben gerufen: „CHILDREN FOR A BETTER WORLD“.

Es hilft weltweit Kindern ohne Heimat und Hoffnung und hat dafür 11 Jahren die sagenhafte Summe von 10 Millionen Euro gesammelt. Das Geld ging zu 100 %, ohne Abzüge für Verwaltungskosten, in die Hilfsprojekte. Erstaunlich könnte man finden, wie viele namhafte Spitzenunternehmen und reiche Prominenz die Spendenliste füllen. Nicht so Florian Langenscheidt. Reichtum, davon ist der Wohlsituierte Menschenfreund überzeugt, ringt den Reichen nur dann Glück, wenn er damit auch zum Glück der Schwachen beiträgt.

  Herr Dr. Langenscheidt, Sie sind Verleger, Herausgeber und Autor, Geschäftsmann und TV-Moderator. Sie helfen jungen Unternehmen auf die Sprünge, Sie sind als Redner gefragt, leiten Vorstände und Aufsichtsräte. Damit nicht genug, setzen Sie sich für die Umwelt ein – und engagieren sich für glücklose Kinder auf der ganzen Welt. Was machen Sie eigentlich hauptberuflich?

Also, wenn ich’s kurz machen will, sag ich immer: Unternehmer und Publizist. Wenn Sie eine längere Antwort wollen ...

Bitte!

... dann besteht das Leben für mich beruflich aus vier Vierteln. Das eine ist die ganze Verlagswelt, von Deutsche Standards Editionen bis zu Langenscheidt, Brockhaus, Duden, Meyer, also all die Verlage, die unsere Gruppe ausmachen. Die manage ich zwar nicht mehr – das habe ich früher mit meinem Vater und meinem Bruder zusammen getan –, aber bin doch in vielfältiger Weise engagiert. Das nächste Viertel wäre Venture Capital, also junge Firmen, denen man mit Rat, mit Kontakten und mit Geld sehr weiterhelfen kann, idealerweise bringt man sie schließlich an die Börse: das macht mir großen Spaß, das ist ein bisschen pädagogischer Eros auf Wirtschaft angewandt. Das dritte ist der ganze publizistische Bereich, also Bücher schreiben, inzwischen sind es zehn geworden, Kolumnen, Reden halten, sehr, sehr viele inzwischen, und das vierte Viertel ist das, welches man Non-Profit nennen würde, was aber paradoxerweise vielleicht das profitabelste von allem ist, aber mehr auf einer menschlichen, nichtfinanziellen Ebene. Das ist der Stiftungsrat des „Worldwide Fund for Nature“, der größten Arten- und Naturschutzorganisation der Welt; das ist „Children for a better World“, das ich gegründet habe und leite; das ist die „Deutsche Kinder- und Jugendstiftung“ und die „Atlantik-Brücke“ – einfach vier Organisationen, um die ich mich sehr stark kümmere, und wo ich versuche, ein bisschen von der Privilegiertheit abzugeben, die mir mal geschenkt wurde.

Wenn man sich vorstellt, wie viele Tätigkeiten Sie jonglieren, und vermutlich mit Freude ...

... das macht mir Spaß, selbstverständlich, sonst würd ich’s nicht tun, mich zwingt ja keiner ... .

... klar, dann kann einem ein hochbegabtes Kind vor Augen schweben, das die wunderbare Chance hatte, allem, was es in sich spürte, nachzugehen, das darin gefördert wurde, sich vielfältig zu entwickeln ...

... das wurde ich sicher. Meine Eltern waren klug genug, nie zu sagen: Hier, große Tradition, vier Generationen Langenscheidt, Weltmarke für Fremdsprachen, das musst du machen, nie. Sie haben gesagt: Teste alles! Und sowohl mein Bruder, der Langenscheidt jetzt leitet, als auch meine Schwester und ich, wir haben alles, vieles ausprobiert, grade in den prägenden Jahren so von 18 bis 30, alles mögliche, geographisch, Beziehungen, Berufe, Umwelt, alles mal getestet, um dann aber irgendwann auch zu sagen: Das bin ich nicht, und das bin ich nicht, und das bin ich – und glücklich ist sicher der, der dann auch mal weiß, was er gerne macht oder was er gut macht, und bei mir ist es offensichtlich diese Vielfalt.

Sie sind ein hoch- und vielseitig entwickelter Mensch, und das ist offenbar bruchlos aus einer glücklichen Kindheit herausgewachsen. Nun nehmen Sie sich seit 11 Jahren Kinder zu Herzen, die all das genau nicht hatten, und tun was für sie ...

... genauso ist es.

Wie ist „Children for a better World“ entstanden?

Unter anderem, weil ich mir dachte: Jetzt bist du ja in einigen Organisationen als Vorstand tätig, da wäre es doch ganz schön, mal eine Sache wirklich selbst zu gründen, und ich fand auch den Gedanken gut, nicht einfach Geld zu geben – was wichtig genug ist –, sondern zu sagen: Die Kinder und Jugendlichen, denen wir helfen, müssen die Sachen selbst in die Hand nehmen, das hat mich fasziniert, und so hat „Children for a better World“ einen Beirat bekommen, in dem nicht graumelierte Herren sitzen, sondern bunte Kinder von 8 bis 18. Aber zum Beginn: Angefangen haben wir mit 32 Gründungsmitgliedern. Von jedem wollte ich, dass er ein Projekt mitbringt und 10 000 Mark. So hatten wir ein Arbeitskapital von 320.000 Mark, also 160 000 Euro, und aus denen sind jetzt gerade 10 Millionen geworden.

Eine enorme Summe.

Ja, ich glaube, das schafft keine Vermögensverwaltung in 11 Jahren.

Wie konnten Sie in dieser Zeit soviel Geld sammeln?

Nun, alle haben immer kritisiert an den großen Organisationen: Da sind die Managementkosten, die Verwaltungskosten – ein Riesenanteil, da weiß man als Spender nicht, was man alles mitbezahlt; und ich hab mir gesagt: O.K., dann überzeug ich einfach ein paar Menschen, dass sie die nicht ganz so sexy klingende Aufgabe übernehmen, die Verwaltungskosten zu tragen. Das ist mir glücklicherweise gelungen. Ich halte zum Beispiel alle meine Reden dafür, und die anderen machen es auf ihre Weise. Jedenfalls finanzieren wir das alles, und dadurch können wir sagen: Jeder Euro, der an „Children for a better World“ geht, geht direkt in die Hilfsprojekte – das vervielfacht praktisch die Summen, die wir einnehmen. 100 % der Gelder für die Notleidenden selbst – das öffnet große Türen, die sonst verschlossen bleiben.

Und dann arbeiten Sie auch mit klingenden Namen.

Ja, wir haben ein wunderbares Kuratorium, das sind 59 Mitglieder, von Caroline Link, Oscar-Preisträgerin, und Regine Sixt bis zu Christoph Henkel oder Mark Wössner. Der eine gibt Geld, der andere seine Hilfe da und dort, wunderbar. Und dazu kommen natürlich brillante Spenderfirmen: Hermès – um nur ein Beispiel zu nennen – hat uns fürs zehnjährige Jubiläum ein märchenhaftes Fest in Schloss Nymphenburg ausgerichtet. Children war also damit nicht nur nicht belastet, die Gäste haben auch noch eine hohe Summe gespendet.

Und wie war das genau mit dem Kinderbeirat?

Den gibt es inzwischen in mehreren Städten. Die Kinder und Jugendlichen treffen sich zweimal im Jahr und bekommen für jede Sitzung 5.000 Euro zur Verfügung aus unserem Spendenpott, und dann entscheiden sie über lauter kleine Projekte. Ein Erwachsener ist dabei, aber nur als Moderator. Da gibt’s eine Kindertagesstätte, die braucht 450 Euro für das und jenes, oder es gibt ein neu entwickeltes Hörtraining für behinderte Kinder, aber die technische Grundausstattung fehlt, 1000 Euro sollen bewilligt werden, solche Dinge, und dann diskutieren sie und entscheiden, was sie machen, und sie diskutieren viel intensiver als wir – wir sind ja immer sehr schnell und effizient und: nächster Tagesordnungspunkt – die Kinder sitzen da ewig, sondieren ganz fundiert, knüpfen Bedingungen daran, toll. Das erste Kinderbeiratsmitglied von vor 10 Jahren, Laura Eberle, ist inzwischen eine junge Frau von 22 Jahren. Sie studiert Sinologie und wird mir nächstes Jahr helfen, „Children for a better World“ in China zu gründen.

So kommt man von kleinen Aufgaben zu großen. Wer kümmert sich um die ganz großen Projekte von Children? Sie selbst?

Unter anderen, und selbstverständlich: Immer wenn’s teuer wird, dann werfen wir als Vorstand auch persönlich einen Blick drauf. Also immer wenn wir mehr als 100 000 Euro geben – wie jetzt grad in Sri Lanka, 300 000 Euro für ein Waisendorf, das im Tsunami kaputtgegangen ist und das wir jetzt wieder aufbauen und noch viel größer machen, weil es jetzt eben so furchtbar viele Waisen dort gibt –, dann geht natürlich einer von uns hin und schaut sich das genau an, das kann man nicht aus der Entfernung und nach dem Papier beurteilen.

Was war finanziell das größte Projekt, das Sie bisher gemacht haben?

Ein ganz trauriges, das ist der Sonnenhof, ein Kinderhospiz in Berlin, wo Kinder, die todkrank sind, auf eine würdige Weise sterben können, begleitet von ihren Eltern, da haben wir am meisten gegeben. Optimistischer ist schon die Tabalugafarm von Peter Maffay, er ist auch Gründungsmitglied, hier in Oberbayern – also dieser Bauernhof mit Reittherapie, wo misshandelte Kinder, deren Familien sich auflösen, wieder zu sich finden, wieder ein positives Verhältnis zu ihrem Körper bekommen, da haben wir viel gegeben, und auch sonst bei einer Vielzahl von Projekten, das geht von „Hunger in Deutschland“, da bekamen wir grad eine Spende von Vodafone über fast 200.000 Euro ...

Verzeihen Sie, „Hunger in Deutschland“? Gibt es den?

Ja, ich hab’s vorher auch nicht gewusst.

Wo leben diese Kinder?

In sozialen Brennpunkten, das sind oft Asyl- und Migrantenfamilien, es sind nicht die besten Viertel, in München ist es zum Beispiel Hasenbergl, in Berlin ist es Hellersdorf ...

Ist das eher ein Ausländerproblem?

Nein, inzwischen nicht mehr nur.

Wie helfen Sie da?

Wir haben zehn Städte ausgesucht, wo einfach viele, viele Kinder keine warme Mahlzeit mehr bekommen und auch sonst kaum Unterstützung; und da gibt es Institutionen, die arbeiten direkt vor Ort, in München heißt das Lichtblick, in Berlin gibts die Arche, also Häuser, da gehen die Kinder gleich nach der Schule hin und da bekommen sie nicht nur was Warmes zu Essen, da können sie auch Hausaufgaben machen, werden betreut, finden Freunde, sie haben praktisch eine Heimat dort. Und da kommt eine warme Mahlzeit täglich auf einen Euro, wenn man das kostengünstig macht. Dorthin geben wir pro Jahr 200.000 Euro und damit kann man eben 200.000 warme Mahlzeiten bezahlen, ist doch toll, oder?

Aber Sie arbeiten auch international?

Beides ja. Es ist immer so: Die einen Spender sagen, die Not im Ausland ist so viel schlimmer und existentieller, wir wollen da was machen. Die anderen sagen: Erst vor der eigenen Haustür kehren, ist auch besser kontrollierbar. Nun, im Ausland sind wir natürlich viel – in Anführungszeichen – effizienter, denn für 10 000 Euro kann ich in Indien eine Schule für 300 Kinder bauen, und hier richte ich damit vielleicht grad die Bibliothek der Schule ein – also wir machen halb und halb, immer ein großes Inlandsprojekt und ein großes Auslandsprojekt pro Jahr.

Welches aktuelle Projekt von „Children for a better World“ liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen?

Ja, schon „Hunger in Deutschland“. Da sind wir sehr nahe dran, und wir merken einfach, was für unglaubliche Arbeit die Organisationen leisten. Jeder Euro ist da wirklich sinnvoll eingesetzt.

Herr Dr. Langenscheidt, „Children for a better World“ meint: „Wenn wir heute für die Kinder sorgen, wird die Welt von morgen besser.“ Sie leisten da enorme Arbeit, aber – ist Ihnen dabei schon mal der Gedanke vom berühmten Tropfen auf den heißen Stein gekommen?

Ja, klar.

Den schieben Sie beiseite?

Den schieb ich nicht beiseite. Ich glaube an mein Vorbild John F. Kennedy: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“ Darin liegt, glaube ich, das Geheimnis. Wir leben in dieser unseligen Tradition, immer Vater Staat alles machen zu lassen, und zu glauben, der macht’s schon. Und er muss ja auch viel tun, Sozialfürsorge, Gesundheitssystem, Renten, das geht nicht anders. Aber neben diesen großen Themen, unter denen der Staat ja eh schon fast zusammenbricht, gibt es eine Vielzahl von kleinen, die der Staat nicht machen kann; ja auch nicht machen sollte, weil er es nicht effizient macht. Jeder Euro ist durch eine private Organisation dreimal so effektiv ausgegeben wie durch den Staat. Er kann es auch deshalb nicht machen, weil Demokratie immer große Mehrheiten braucht, und Leid ist oft sehr minoritär. Es ist oft einfach eine kleine Gruppe, die etwas braucht, und damit gewinnt man keine Wahlen.

  Ihre Alternative?

Ich glaube, dass Gesellschaft nur dann funktioniert, wenn jeder sich so seine ein oder zwei oder drei Baustellen sucht und da wirklich hilft. Beim einen ist es eben das Altersheim um die Ecke, und der andere, z. B. Ted Turner oder Bill Gates, der größte Philanthrop der Welt mit über 24 Milliarden gespendeten Dollar, kann sich eben darum kümmern, dass ein Heilmittel gegen Aids gefunden wird, oder den Hunger in Afrika angehen. Und aus den vielen, scheinbar kleinen Tropfen auf den heißen Stein entsteht dann eine große funktionierende Gesellschaft, die sich auch um ihre Schwachen kümmert.

So heilt der Kapitalismus Wunden, die er oft selber schneidet?

Wenn ich die zwei Jahrhunderte sehe, in die unser Leben fällt, dann denke ich: Wir haben im 20. Jahrhundert kapiert, dass der Wettbewerb das effizienteste System ist, dass sozialistische und kommunistische Gedanken nicht funktionieren. Das 21. Jahrhundert wird dieses System immer weiter perfektionieren, es wird aber auch zeigen, dass der Kapitalismus beseelt werden muss mit Menschlichkeit, sonst macht er keinen Spaß, sonst ist er gefühlskalt.

Und warum sollte Menschlichkeit für den Menschen reizvoll sein?

Weil Menschlichkeit einen selbst am meisten befriedigt. Ich glaube, wenn das fehlt, dann fehlt ein großes Stück zum erfüllten Leben und zum eigenen Glück. Um es in der Sprache der Golfer zu sagen: Der richtige Schwung, jener magische Moment, in dem alles glückt, führt von mir weg.

Vielen Dank für das Gespräch.


  

„Children for a better World“
ist eine gemeinnützige Kinderhilfsorganisation, die auf Initiative von Florian Langenscheidt am 22. Januar 1994 gegründet wurde. Jede Spende kommt zu 100 % den Projekten zugute. Die Verwaltungskosten werden von Förderern getragen.

Children for a better World e.V.
Hauptsitz: Münchner Freiheit 8, 80802 München,
Tel.: 0 89 / 3 24 36 09, Fax: 0 89 / 32 45 02 48,
www.children.de, info@children.de  
Spendenkonto: Nr. 8 08 01 60,
Deutsche Bank München, BLZ 700 700 10

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