HIGH LIFE Heft 9 | 2005

ELEGANZ AUS NEAPEL
Zu Besuch bei Attolini

Mit dem Großvater schufen sechs Schneider täglich drei Kleidungsstücke. Unter den Enkeln schaffen 85 Schneider 40 Teile – Magier sind sie heute wie damals. Ihre Zaubermittel: Schere und Fingerhut, Nadel und Faden. Ihr Coup: faszinierende neapolitanische Schneiderkunst.

TEXT: GÜNTER NED | FOTOS: YDO SOL

WENN LARRY ELLISON, CHEF VON ORACLE, mit seiner Yacht nach Capri kommt, dann lädt er gerne Massimiliano und Giuseppe Attolini zum Maßnehmen an Bord, und vor einem Paparazzo mit Ahnung von erstklassiger Kleidung hätte er sich damit unverkennbar als Afficionado der klassischen neapolitanischen Maßschneiderei geoutet. Als Liebhaber jener Anzüge, die der Figur schmeicheln wie eine zweite   Haut. Als ein Mann, der die verräterischen Details kennt: die Reverstasche in der Form eines Bootes, die Kissing Buttons am Ärmelende. Als Kenner, der es genießt, ein „Giacca a Mappina“ zu tragen, also ein Jackett mit diesem leicht gefälteltem Ärmelansatz an der Schulter. Nur die besten neapolitanischen Schneider beherrschen ihn, genäht werden kann er nur in gewiefter Handarbeit. Und Mr Ellison hätte dem Paparazzo – einer Figur, die seit Fellinis „La Dolce Vita“ untrennbar mit dem legendären Schauspieler Marcello Mastroianni verbunden ist – enthüllt, dass er den Weg zurück zu den Wurzeln weiß. Denn bei den Attolinis stand die Wiege dieser Schneiderkunst.

„Attolini-Menschen lieben Qualität,
aber sie haben nicht nötig, das zu zeigen.
Unser Stil ist es, natürlich zu sein,
einfach natürlich.“
Massimiliano Attolini

Massimiliano (40) und Giuseppe (33) sind die Enkel des Mannes, der sie erfand. High Life folgte der Spur. Wir besuchten die stets elegant gekleideten Brüder in Attolinis Manufaktur am Stadtrand von Neapel, und wir versuchten im Gespräch mit Massimiliano der Essenz des elitären Lifestyle-Labels, dem Geheimnis von „Cesare Attolini, Napoli“ näher zu kommen.

 

Herr Attolini, Sie und ihr Bruder Giuseppe sind heute die Chefs von Attolini. In der wievielten Familiengeneration?

Wir sind die dritte. Unser Großvater Vincenco war der Gründer. Er war Schneider und begann 1930 mit einem Laden in der Altstadt von Neapel, in der Via Vetriera. Er war ein großer Künstler in seinem Beruf, und er wurde zum Pionier. Vincenco Attolini ist der Schöpfer des neapolitanischen Jacketts.

Wie kam das?

Als er begann, dominierte der englische Stil, selbst in Italien und sogar in Neapel. Mein Großvater aber setzte dem steifen englischen Jackett etwas entgegen. Er begann, ein Jackett zu schneidern, das wir heute Hemdjackett nennen. Denn es ist wie eine zweite Haut, sehr schmal, sehr leicht, aus sehr weichem Stoff, es fließt ganz natürlich am Körper. Es bekam die berühmte „Taschino a Barchetta“, die Reverstasche in Bootsform, und all die Details, die heute so typisch neapolitanisch sind. Seine Meinung war: Wenn Sie ein Jackett von mir tragen, dann müssen Sie vergessen können, dass Sie etwas tragen. Sogar beim Gehen.

Hatte er damit Erfolg?

Nicht sofort. Am Anfang wurde er nicht verstanden. Die Kunden fragten.  Was ist das? Aber er kümmerte sich nicht darum, sagte: O.K., dann nehmen Sie es nicht! Er war einfach überzeugt von dem, was er tat. Der große Erfolg kam in den fünfziger und sechziger Jahren. Da hatte Vincenco Attolini Kunden wie Clark Gable und Vittorio De Sica. Er schneiderte für Marcello Mastroianni und den Theaterdichter Eduardo de Filippo, sie alle trugen Attolini. Also: Wenn Sie heute von Attolini sprechen, dann sprechen Sie vom Pionier des neapolitanischen Jacketts, und wenn Sie über den neapolitanischen Stil reden, dann reden Sie über Attolini.

Wer war die zweite Generation?

Mein Vater, Cesare. Er ist 72, kommt noch jeden Tag um 14.00 Uhr hierher und arbeitet mit viel Kraft.

Wie fing er an?

Mein Vater war sehr avantgardistisch eingestellt. Er ist ein großer Schneider wie sein Vater, ein großer Modellist, er hat seinen ganzen Background von unserem Großvater. Aber er ging einen Schritt weiter, er baute eine Produktion auf. Mein Großvater war ein großer Künstler auf seinem Gebiet, und das war die Einzelschneiderei. Das heißt, bei ihm machte ein Schneider ein ganzes Jackett, einen kompletten Anzug. Mein Vater fing nun an, Vincenzo Attolinis neapolitanisches System in einen Arbeitszyklus zu stecken. Bei ihm machte jeder Schneider nur einen bestimmten Teil des Jacketts, dann geht es an den nächsten. Es war ein Sprung, der es möglich machte, das gleiche gute Produkt zu haben, aber die Kosten zu senken und eine Standardisierung zu erreichen.

Und so gibt es jetzt die Manufaktur Attolini hier in Casalnuovo am Stadtrand von Neapel. Wie hat sich die dritte Generation, wie haben sich Massimiliano und Giuseppe in die Firmen- und Familiengeschichte eingeschrieben?

Wir sind vor 15 Jahren zu unserem Vater gegangen und haben ihn gefragt: Wir haben dieses wunderbare Produkt. Warum machen wir daraus nicht einen internationalen Brand mit einem weltweiten Vertrieb? Und er sagte: O.K. macht! Ja, da starteten wir und waren erfolgreich von Anfang an. Aber es war nicht so schwer. Wir hatten als Hintergrund unsere Geschichte. Wir haben drei Generationen im Rücken. Und: Mein Bruder und ich haben nicht nur die ganze Schneiderei im Blut, wir haben auch Wirtschaft studiert. Mein Vater und mein Großvater waren große Künstler. Wir sind auch Manager.

Wer macht das Design? Wer entwirft die Kollektionen?

Ich, und wir arbeiten fast nur mit Geweben aus Großbritannien, den besten, die es gibt. Die Tuche kommen aus England, das Kaschmir aus Schottland, aus Irland bekommen wir noch Leinen. Alle Gewebe werden exklusiv für uns und nach unserem Design gefertigt.

Wieviel Konfektion machen Sie und wieviel Maßanfertigungen?

Wir schneidern etwa 60% Konfektion und 40% nach Maß, letzteres für die Kunden unserer Kunden. Das heißt, wenn Mr Al Pacino in eines der besten Einzelhandelsgeschäfte in New York geht und zehn Attolini-Anzüge bestellt, dann schneidern wir sie hier nach seinen Maßen. Wichtig ist: Ob Konfektion oder Maßanfertigung, beides wird ausnahmslos von Hand geschneidert.

Wenn Sie die Zeit Ihres Großvaters mit heute vergleichen, was hat sich bei Attolini geändert?

Sehr wenig, 90 % sind gleich, bei 10% sind wir moderner. Aber wir haben die gleiche Philosophie. Wir haben das Know How von Attolini, und damit machen wir Anzüge, die niemand imitieren kann, es sei denn, er kennt alle Geheimnisse unserer Handarbeit. Ein Anzug von Attolini, das ist ein Produkt mit einer Seele.

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