HIGH LIFE Heft 8 | 2005

© Foto: Michael Furman

Speed, Style & Beauty
Ein Interview mit dem Modeschöpfer und Autosammler Ralph Lauren.

Ralph Lauren brachte die Marke Polo 1968 mit einer Herrenkrawatte und einer ganz neuen Einstellung zu Stil, Eleganz und Qualität auf den Markt. Aus seinem Originaldesign für Luxusbekleidung, Accessoires und Heimdekor hat Ralph Lauren ein Unternehmen aufgebaut, das seine Produkte in 65 Ländern verkauft. Die Polo Ralph Lauren Company gilt heute unter den Modehäusern als eines der innovativsten und dabei wohl als das einflussreichste.

INTERVIEW VON DARCY KURONEN, FOTOS: MICHAEL FURMAN

Das folgende Interview haben wir mit Ralph Lauren im Mai 2004 in seinen Firmenräumlichkeiten geführt. Nach Kultiviertheit und auSS ergewöhnlichem Geschmack strebt Ralph Lauren nicht nur in seinen Modeentwürfen, sondern auch bei den vielen großartigen Autos, die er besitzt. Und so kann es kaum überraschen, dass es für ihn bei seinen Autos um ihre Aura und Präsenz ebenso geht wie um ihre Leistung. Vom 6. März bis zum 3. Juli 2005 zeigt das Museum of Fine Arts in Boston insgesamt 16 Fahrzeuge der auSS ergewöhnlichen Autosammlung von Ralph Lauren.

 

Welches Automobil war das allererste in Ihrer Kindheit, an das Sie sich noch erinnern können, und warum ist es Ihnen im Gedächtnis geblieben?

Ich bin mir nicht sicher, ob man es überhaupt als richtiges Auto bezeichnen kann, aber ich kann mich noch erinnern, wie ich als Fünfoder Sechsjähriger aus dem Fenster meines Apartmenthauses sah. Da waren diese Zwillinge – zwei Jungs. Sie waren etwa in meinem Alter und hatten gerade zum Geburtstag ein leuchtend rotes Feuerwehrauto mit zwei Glocken auf der Rückseite bekommen. So ein Auto wollte ich immer schon haben. Es war so groß, dass man richtig ’reinkrabbeln konnte, anstatt es nur auf dem Boden zu schieben. In dieses Auto könnte ich mich ’reinsetzen, als wenn es echt wäre, ein Feuerwehrauto, ein richtiges knallrotes Feuerwehrauto – so stellte ich mir das damals vor! Das erste Auto, in das ich mich richtig verliebt hatte, war also wohl dieses Spielzeugauto, und ich habe es niemals vergessen.

Haben Sie sich schon seit Ihrer Kindheit für Autos begeistert?

In meiner Jugend gehörten Autos bei jedem Jungen irgendwie zum Leben. Man betrachtete sich selber gar nicht so richtig als Autoliebhaber – man war es ganz einfach. Ich kann mich noch erinnern, wie ich mit meinen Freunden zusammensaß und Autos zählte: Wir zählten die Chevrolets, die vorbeifuhren, die Oldsmobiles und die Pontiacs. Wir kannten alle Automarken. Sie sind in New York City aufgewachsen.

Hatten Sie ein Familienauto? Mit welchem Wagen haben Sie Fahren gelernt?

[Lacht] Ich habe im marineblauen Pontiac meines Vaters fahren gelernt – eine Limousine mit Fließheck, einem torpedoförmigen Heck, das direkt nach unten lief. Es war ein wirklich schönes Auto und es hatte auf der goldfarbenen Kühlerhaube einen Indianerkopf. Ich liebte dieses Auto. Da war nur ein Problem: Ich war das jüngste von vier Kindern und als ich schließlich das Auto bekam, war es schon ziemlich alt und heruntergekommen. Und dann musste ich immer noch mit meinen beiden älteren Brüdern streiten, um meine Freundin darin auszuführen. Ich musste ungefähr eine Stunde fahren, um sie in Brooklyn abzuholen. An irgendeinem Punkt zwischen dem Streit mit meinen Brüdern, wer nun das Auto benutzen darf, und der Tatsache, dass es ein so altes Auto war, traf ich für mich selber die Entscheidung, dass ich eines Tages etwas Besonderes haben wollte.

Gab es einen ganz bestimmten Wagen, der Ihnen das Gefühl vermittelt hat, dass ein Automobil mehr ist als ein Mittel, um von A nach B zu kommen?

Für mich war ein Auto schon immer etwas Besonderes. Es bringt dich an einen anderen Ort – das Auto war also eine Möglichkeit, eine andere Umgebung zu betreten. Im Auto essen, aufs Land fahren, an einem Restaurant Halt machen, unterwegs nach irgendwo ... das Auto war einfach Teil meiner Lebenskultur, als ich jung war. Und als Junge betrachtete ich es eigentlich nie als Statussymbol, sondern vielmehr als eine Fluchtmöglichkeit oder Eintrittskarte in wunderbare Welten.

Welcher Wagen war das erste außergewöhnliche oder interessante Auto oder vielleicht sogar das erste Sammlerauto, das Sie gekauft haben?

Das erste Auto, das ich je von meinem eigenen Ersparten gekauft habe, war ein 1961er Morgan. Er war ganz weiß mit roten Ledersitzen. Er hatte einen Streifen auf der Kühlerhaube und der Karosserieaufbau war ganz traditionell im Stil der Dreißiger gehalten. Dadurch sah der Wagen sehr robust und zweckmäßig aus, und das in einer Zeit, in der man so etwas wie z.B. einen Jeep sehr selten zu Gesicht bekam. Für mich war der Morgan ein großartiges Auto, bei dem man nie das Verdeck zumachen sollte – echte Morgan-Besitzer machen niemals das Verdeck zu. Auch bei eisiger Kälte fahren sie mit offenem Verdeck. Die Attraktivität dieses Wagens liegt in der Freude am Fahren und in seiner Robustheit. Ein bisschen wie die Rucksacktouristen heutzutage oder wie die frühen Allradfahrer – man wirft einfach seine ganze Schlechtwetterkleidung und Ausrüstung in den Wagen und braust mitten im Winter mit offenem Verdeck einfach los. Also bin ich als einer dieser Typen zum Morgan-Club gekommen, denn genau so sah ich mich selber.

Haben Sie ihn immer noch?

Diesen Morgan habe ich nicht mehr. Ich hatte ihn noch, als ich heiratete, aber ich musste mich zwischen dem Wagen und meiner Frau entscheiden, denn wir wollten ein Apartment haben, und ich konnte mir keine Garage in Manhattan leisten. Außerdem machte ich mir Sorgen, ich könnte vielleicht nicht genug Geld haben, um das Auto zu reparieren, wenn irgendetwas daran kaputt geht. Deshalb verkaufte ich es an einen Freund in Massachusetts. Ich fuhr also in diese wunderschöne Gegend, in der er lebte, und ich ließ den Wagen bei ihm zurück. Dann fuhr ich drei Stunden mit dem Bus wieder nach Hause. Im Nachhinein betrachtet glaube ich, dass ich diesen Morgan etwas zu früh aufgegeben habe. Ich war einfach noch nicht so weit. Als ich mir wieder ein Auto leisten konnte, kaufte ich als erstes Auto wieder einen Morgan – einen 1966er Viersitzer, den ich auch heute noch habe.

Haben Sie in Ihrer aktuellen Sammlung ein Lieblingsauto, vielleicht wegen seiner äußeren Schönheit oder wegen seines Fahrgefühls?

Autos sind wie Kinder: Man kann schwer sagen, dass man eines lieber hat als ein anderes. An jedem Auto gibt es ein paar Kleinigkeiten, die man im Laufe der Zeit lieb gewinnt ... das Aussehen, das Lenkrad, die Drahtspeichenräder, das Fahrgefühl, ja sogar die Art und Weise, wie es anders fährt, wenn man das Verdeck hoch macht. Sie haben alle ihre Identität, sie haben alle eine Seele und Charaktereigenschaften, die auf die eine oder andere Weise liebenswert sind. Deswegen mag ich es auch gar nicht, meine Autos zu verkaufen, und deswegen habe ich auch im Laufe der Zeit immer mehr Autos angesammelt. Wenn ich eines habe, möchte ich es nicht mehr hergeben. Einige sind vielleicht nicht so schnell wie andere oder so rassig oder so funkelnd, aber jedes von ihnen hat seinen ganz eigenen Charakter. Im Laufe der Zeit stand dann jedes Auto für einen anderen Teil meines Lebens. Nachdem ich beispielsweise mein Unternehmen gegründet hatte, kaufte ich einen 1971er Mercedes 3,5 Cabrio. Es war das letzte Cabrio, das sie noch von Hand fertigten. Ich erzählte meinem Sohn erst kürzlich, dass ich genauso alt war wie er jetzt, als ich dieses Auto kaufte. Wir saßen in diesem Auto und fuhren über die Straße, und ich sah meinen ältesten Sohn an, der jetzt 32 ist – genauso alt wie ich damals. Dieses Auto hat eine Geschichte ... Erinnerungen sind mit ihm verbunden. Es ist heute schöner als jemals zuvor und ich werde es niemals verkaufen.


 

 Was muss ein Auto an sich haben, damit es in Ihnen das Gefühl weckt, Sie müssten es einfach haben?

Als ich anfing Autos zu kaufen, wusste ich noch nicht, dass ich eine Sammlung aufzubauen begann. Ich wollte einfach die Autos haben, von denen ich träumte. Wenn Sie einmal ein richtig gutes Auto fahren, dann ist das wie ein Fieber. Mein erster großer Autokauf war ein Porsche Turbo im Jahr 1978. Jahrelang mietete ich Autos und ich setzte meine Kinder auf den Rücksitz oder auf den Beifahrersitz, wo eben Platz war. Mit drei Kindern war der Platz immer etwas knapp. Mein erster wirklich schneller Wagen mit richtiger Spitzentechnik war jedenfalls dieser 1979er Porsche Turbo. Er war sehr schnell und es war eine sehr wichtige Zeit für das Unternehmen Porsche, der Anfang der Turbos. Nachdem ich dieses Auto gekauft hatte, fand ich Autos immer aufregender. Ich fuhr auch andere Autos und irgendwann einmal sagte plötzlich ein Freund zu mir: „Ich möchte, dass du meinen Ferrari fährst.“ Ich sagte: „Aber ich mag eigentlich keine Ferraris.“ Ich stieg trotzdem ein und ich verliebte mich sofort in dieses Auto. Ich war verrückt nach dem Ferrari, obwohl ich ihn nur ein einziges Mal gefahren hatte. Irgendwann kaufte ich mir dann einen Daytona Spyder – ein wirklich erstaunlicher Wagen. Und so begann mein Ferrari-Fieber.

Was ist das für ein Gefühl, ältere Sammlerautos zu  fahren?

Sie sind alle unterschiedlich. Sie machen unterschiedliche Geräusche, sie fühlen sich unterschiedlich an. Die Kupplung fühlt sich unterschiedlich an. Die Kraft ist unterschiedlich. Es ist ganz eigenartig: Du kannst heute ein Auto fahren und es fühlt sich auf eine bestimmte Weise an, und dann fährst du das Auto morgen wieder und es fühlt sich nicht mehr so an. Diese Autos haben Stimmungen, die sich mit dem Wetter verändern ... oder mit den Stimmungen des Fahrers selber. Ich kann ein bestimmtes Auto heute mit großer Freude fahren und morgen bin ich dann enttäuscht, dass das Erlebnis nicht so schön ist wie am Tag zuvor.

Stellen Sie bei Ihren Autos bestimmte Unterschiede im Fahren, in der Handhabung oder bei den Motorgeräuschen fest?

Die Geräusche von Autos sind sehr charakteristisch. Man kann hören, wenn einer der Zylinder nicht richtig funktioniert oder wenn der Wagen nicht rund läuft. Man entwickelt eine Art Instinkt für das Gefühl, die Kraft und die Geräusche, denn sie greifen alle ineinander ... wie bei einem Orchester. Porsches, Ferraris und Jaguars sind alle ganz unterschiedlich, die Geräusche, die sie machen, sind unterschiedlich, das Schalten ist unterschiedlich, das Fahrgefühl ist völlig unterschiedlich – aber sie bereiten alle viel Freude und das ist es, was die ganze Sache so spannend macht. Wenn dir ein paar Autos gehören, kannst du deine eigenen Tests machen. Ich habe meine eigene Straße und Strecke – also mache ich Vergleichsfahrten mit meiner Familie, um herauszufinden, welche Autos uns besser gefallen und warum. Manchmal testen wir auch dieselben Autos zweimal und die Ergebnisse sind jedes Mal unterschiedlich.

Welcher Fahrertyp sind Sie? Mögen Sie es, Ihre Autos so richtig auszufahren?

Ich kann nicht beurteilen, welcher Fahrertyp ich bin. Ich hielt mich einmal für einen Rennfahrer, für einen zweiten Paul Newman, aber als ich einen Rennfahrerkurs belegte, stellte ich fest, dass ich nicht so gut war wie ich dachte. Ich wollte eigentlich schon gleich nach meinem ersten Dreher alles Hinschmeißen – es war ein bisschen schockierend. Aber ich blieb dann doch dabei. Und das Fahrfieber ist nie ganz weggegangen. Es gefällt mir nicht, auf einem Rennkurs eine Runde nach der anderen zu ziehen – ich ziehe es vor, auf der Straße zu fahren. Ich mag das Gefühl, an der frischen Luft zu sein, Bäume und Landschaft um mich herum, ich fahre einfach irgendwo hin, fühle das Auto und seine Kraft, seine Seele – das ist Teil meiner Sensibilität – nicht auf irgendeinem Rundkurs zu fahren.

Nimmt Ihre Familie Anteil am Aufbau oder an der Verwendung Ihrer Automobilsammlung?

Jeder in der Familie hat Freude an den Autos. Meiner Frau ist es nicht unbedingt wichtig, die Autos selber zu fahren, aber sie ist diejenige, die mir sagt, ich solle doch mal wieder einen Ausflug machen, und sie liebt die Autos einfach. Auch sie genießt also diese Atmosphäre der Entspannung und Freude. Ich stelle ihr immer Fragen, wenn ich fahre: Wie gefällt dir dieses Auto? Wie fühlt es sich an? Gefallen dir die Geräusche? Sie ist eine sehr gute Kritikerin.

Was hat Sie dazu bewegt, Ihre Autos in einem Kunstmuseum auszustellen? Halten Sie großartige Autos für Kunst?

Ich habe Autos schon immer als Kunst betrachtet. Bewegte Kunst. Freunde von mir sind eher von Gemälden fasziniert, aber ich hatte irgendwie den Eindruck, dass die wirkliche Schönheit, einen seltenen und großartig konstruierten Wagen zu haben, in der Tatsache bestand, dass man ihn verwenden kann. Man kann ihn sich ansehen, seine visuellen Qualitäten bewundern (wie bei einem Gemälde), aber man kann sich auch hineinsetzen und losfahren ... und das bedeutet, sowohl die Fahrt selber zu genießen als auch den Umstand, dass man an einen anderen Ort gelangt. Wie diese Autos zusammengesetzt werden, die Zweckmäßigkeit, mit der sie geschaffen wurden, Detail für Detail – der Motor, die Mechanik, die Außenverzierungen, die Gestaltung der Räder, der gesamte Geist des Fahrzeugs – ist schon sehr, sehr aufregend. Und zu alledem spürt man die Persönlichkeit der Männer, die diese Autos geschaffen haben – die Herren Porsche, Bugatti, Ferrari.

 

Interview und Fotos mit freundlicher Genehmigung von mfa Publications, Boston, Massachusetts, und Polo Ralph Lauren, Fotos: Michael Furman

 Begleitend zur Ausstellung ist bei mfa Publications,  Boston, ein umfangreicher Bildband erschienen:

SPEED, STYLE AND BEAUTY
Cars from the Ralph Lauren Collection
Hardcover, 240 Seiten mit 196 Farbfotos
und 37 Schwarzweiss-Abbildungen
ISBN: 0-87846-685-1
Preis: 60,– US $

Museum of Fine Arts, Boston: http://www.mfa.org/

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