HIGH LIFE Heft 8 | 2005

Die Sammling Dauphin
Meilensteine des Automobilbaus

In der Nähe von Bern entdeckte Friedrich-W. Dauphin bei einem Abendspaziergang seine ersten sammelwürdigen Ferrari-Modelle. „Da sah ich auf einem Hof einige herrliche alte Autos ausgestellt“, erinnert sich der 66-jährige mittelfränkische Unternehmer. Schnell kam er mit dem Besitzer am nächsten Morgen ins Gespräch und machte die Sache dingfest. Nicht gerade zur Freude seiner Frau, die ahnungslos im Hotel auf ihn wartete. Inzwischen ist Elke Dauphin eine genauso begeisterte Automobilliebhaberin wie er. Und mittlerweile besitzt die Familie Dauphin 16 Ferraris unterschiedlichster Jahrgänge und Ausführungen - wie das seltene, frühe 212 InterGhia Coupé - wichtiger Baustein einer der hochkarätigsten privaten Autosammlungen in Europa.

TEXT: VON PETER UNGER, FOTOS: MARTIN BÄUML 

ÜBER DREIHUNDERT AUSGESUCHTE KLASSIKER aus fünfzig Jahren Renn-, Sportwagen- und Motorradgeschichte – alle im fahrbereiten Zustand – veranschaulichen nahezu lückenlos die technische und formale Entwicklung europäischer Traditionsmarken von 1929 bis 1980, mit einem Schwerpunkt bei den italienischen Edelschmieden. In Deutschland gibt es vielleicht zehn vergleichbare Privat-sammlungen, von denen die wenigsten allerdings öffentlich zugänglich sind. Einzigartig ist hier die kombinierte Sammlung von ca. 120 hochkarätigen Autos und 180 Motorrädern, die zudem an eine große Event-Halle gekoppelt ist.

Wie Frieder Burda mit seinen Gemälden und Skulpturen im neuen Museum in Baden-Baden möglichst viele Menschen erfreuen möchte, so möchte die Familie Dauphin mit ihren automobilen Kunstwerken nicht nur autointeressierte Zeitgenossen für ihre Sammlung begeistern. „Wir wollen aber unsere Passion vor allem an kommende Generationen weitergeben“, sagt Friedrich-W. Dauphin. So erwarb die Familie in Hersbruck nahe Nürnberg eine ehemalige Aufzugsfabrik aus den 60er Jahren, in der seit April 2004 die Dauphin'sche Privatsammlung präsentiert wird. Ausschlaggebend für den Standort Hersbruck war die verkehrsgünstige Anbindung an den Großraum Nürnberg-Fürth-Erlangen.

  » Ich halte es mit dem Wahlspruch des Rennfahrers Sterling Moss:
If everything is under control you are just not driving fast enough! «
(Friedrich-W. Dauphin) 

Allerdings hört Friedrich-W. Dauphin ungern das Wort Museum für die familieneigene Autosammlung. „Bilder von Dürer, Rubens, Picasso oder Roy Lichtenstein gehören ins Museum“, erläutert er. „Autos dokumentierten um die Jahrhundertwende den Aufbruch in eine neue Zeit. Sie veränderten unser aller Leben von Grund auf. Daher sehe ich unsere Sammlung eher als kulturhistorisches Zeugnis von seltenem Rang, ein kulturelles Erbe für kommende Generationen.“ Schon in jungen Jahren entwickelte Friedrich-W. Dauphin ein Faible für alte Autos. Den Anstoß zum ernsthaften Sammeln gab Elke Dauphin, die ihrem Mann – damals eifriger Sammler von historischen Faustfeuerwaffen – aufforderte „auch einmal etwas zu sammeln, was die ganze Familie interessiert – zum Beispiel alte Autos“. Die Idee wurde prompt umgesetzt. Zwei Wochen später hatten Dauphins ihr erstes Auto, ein weinrotes Mercedes 280 SE Cabriolet, Baujahr 1971. Es folgte ein 300 SL Roadster von 1961 und der erste Ferrari, ein 250 GT SWB (für Short Wheel Base – kurzer Radstand), von dem ab 1962 nur 165 Stück hergestellt wurden. Die Begeisterung erfasste schnell die ganz Familie.

Friedrich-W. Dauphin faszinierte bei seinen automobilen Preziosen von Anfang an die Technik. Ehefrau Elke begeistert sich eher für das Design und die ästhetischen Kurven der Karossen. „Dieser Kotflügel ist doch einfach erotisch“, sagt Elke Dauphin und streichelt dabei die üppigen Formen eines Alfa Romeo aus der Vorkriegszeit. Für Tochter Antje steht der Nutzen im Vordergrund. Sie empfindet es als Herausforderung, diese Fahrzeuge zu bewegen. Alle drei, da sind sie sich einig, sehen in den Exponaten unvergängliche Kunstwerke. Am meisten kann sich Friedrich-W. Dauphin für jene Autos begeistern, „die von der Technik und vom Design her Meilensteine waren“.

So wie der Bugatti Typ 35B aus dem Jahre 1929, das älteste  Auto im Kreis der hochkarätigen Exponate, aus heutiger Sicht eine technische und stilistische Meisterleistung Ettore Bugattis. Das Motorrad mit den meisten Jahren auf dem Sattel, ein Royal-Enfield-Gespann mit Korbseitenwagen, erzählt Geschichten über ein auf Krieg eingestelltes Europa im Jahre 1914. Mit der höchsten Leistung von 348 PS protzt ein Ferrari GTS/4 Daytona Spider, gleichzeitig einer der schönsten von Pininfarina gestylten Ferraris. Legendär ist der Ruf des Cisitalia 202 SMM: der Spider mit der Fahrgestell Nr. 001 A war der erste Werks-Rennspider, der mit Fahrer Nuvolari 1948 zweiter in der Gesamtwertung der legendären „Mille Miglia“ wurde, direkt hinter einem Alfa Romeo 8C 2900 A Spider. Prominentestes Zweirad ist eine MV Agusta GP 500 aus dem Jahre 1959, die er von dem mehrfachen Weltmeister und späteren Formel-1-Piloten-John Surtees erwerben durfte.

» Vor allen Dingen möchten wir unsere Passion
für die automobilen Kunstwerke an kommende Generationen weitergeben. «
(Friedrich-W. Dauphin)

Dauphins sammeln mit System ausschließlich Coupés, Cabriolets, Sportcoupés und Rennwagen, nach Marken und innerhalb der Marken chronologisch präsentiert. Damit lässt sich beispielhaft die Entwicklung von Modellen und Motoren verdeutlichen. So zeigt die Ausstellung, wie aus dem Porsche 356 A im Laufe der Jahre ein 356 C wurde – nicht zu vergessen der 550-Renn-Spider, der legendäre 904 und der 1963 erschienene 911, heute das Rückgrat der Porsche-Palette. Da die Modelle entsprechend zusammenstehen, sind die einzelnen Entwicklungsstufen gut zu erkennen. Neben zwölf Porsche-Modellen schmücken das neue Event-Center u.a. je vier Bugatti- , Jaguar- und Aston-Martin-Schönheiten, fünf Maserati-Modelle, die Isabella von Borgward als Coupé und Cabriolet, dazu Lancias, MGs ... Außerdem eine ganze Palette von BMW- und Mercedes-Sportwagen sowie 21 Alfa Romeos, eine Marke, von der Friedrich-W. Dauphin besonders angetan ist. Den Grundstock der Dauphin’schen Sammlung bilden etablierte wertvolle Modelle wie BMW 328 und 507, Jaguar XK 120 und E-Type, Mercedes 300 SL (als Roadster und Coupé) sowie mehrere Aston-Martin-Modelle, darunter der im Rennsport erfolgreiche DB 4 GT.

Die dreigeteilte Motorradsammlung mit Straßen-, Sportmotor- und Rennmotorrädern stellt zugleich einen bemerkenswerten Querschnitt aller wichtigen Marken dar. Sie enthält einzigartige Exponate von internationalem Ruf, zeigt epochemachende Modelle legendärer Hersteller von Münch über MV Agusta, Norton und Triumph bis zu den Motorrädern mit mythenhaftem Ruf wie Harley-Davidson und Horex. Und sie berücksichtigt auch die Innovationskraft der führenden japanischen Hersteller. Highlight der Sammlung ist ein zum Rennmotorrad umfunktioniertes BMW-Straßenmotorrad, eine „Lohmann Kompressor“ aus dem Jahr 1939, die nur einmal gebaut wurde. Wer so methodisch sammelt wie Friedrich-W. Dauphin, den schmerzen vor allem die Lücken. „Etwa 15 Modelle“, sagt er, möchte er noch auftreiben. „Darunter extrem seltene Fahrzeuge, an die nur schwer heranzukommen ist.“ Etwa den Porsche 356 Carrera Abarth mit Seltensheitswert, den BMW-Veritas RS, eine Weiterentwicklung des BMW 328, den Talbot 150 SS Lago Teardrop, formschön wie das schwarze „Muti“-Alfa-Romeo-Touring-Cabriolet oder das 1947er Cisitalia-202-Coupé, u.a. Klassensieger beim „Concours d’Elegance“ in Pebble Beach, dem Mekka für Classic-Car-Freunde.

Präzise wie ein Kfz-Ingenieur erklärt Friedrich-W. Dauphin die technischen Details seiner (Neu-)Erwerbungen. Ob Boxer- oder Wankelmotor, das Prinzip der Schmierung, Sperrdifferential und obenliegenden Nockenwellen, PS-Zahl und den daraus entstehenden Leistungs-Gewichten, Höchstgeschwindigkeit in Relation zu den Umdrehungen, Vorderachse, Hinterachse, Antriebsverfahren – Friedrich-W. Dauphin kennt jedes seiner stählernen Freunde, ihre Stärken und Schwächen bis ins kleinste Detail.

Und er fährt sie gern, genauso wie Gattin Elke oder Tochter Antje. Manchmal dürfen auch Freunde und Bekannte hinter das Lenkrad eines der wertvollen Classic Cars. So gewann Friedrich-W. Dauphin 1998 als Beifahrer von Walter Röhrl die französische „Tour Auto“. In der „Competition Class“ (der Schnellste ist der Sieger) gewannen sie völlig überraschend in einem Porsche 356A / 1500 GS-GT Spider vor deutlich PS-stärkeren Boliden, denen Regen und plötzlich gefallener Schnee offensichtlich wesentlich mehr zu schaffen machte. „Mit dir die ‚Tour Auto’ (eine „Tour de France“ für Classic Cars) zu gewinnen, ist wie ein Sechser im Lotto“, freute sich auch ein sichtlich bewegter Walter Röhrl, immerhin 4-facher Rallye-Monte-Carlo-Sieger und in Frankreich und Italien „als Rallye-Fahrer des Jahrhunderts“ geehrt. Elke Dauphin beteiligt sich regelmäßig mit einem hellblauen 300 -SL-Flügeltüren-Mercedes an der „Mille Miglia“. Antje Dauphin bevorzugt dagegen den kleinen, sprintstarken und handlichen BMW 328.

 

Selbstverständlich sind diese Erfolge nicht. Monatelange Spezialistenarbeit ist nötig, um Fahrzeuge, die teils in Scheunen oder auf Hinterhöfen ein Schattendasein führten, wie neu aussehen zu lassen und problemlos zu nutzen. Für längst vergessene und vom Winde verwehte Marken und Modelle müssen oftmals einzelne Teile in mühsamer Handarbeit gefertigt werden. Überdies sind die durchaus empfindlichen Klassiker nach genauem Plan in regelmäßigen Abständen zu bewegen und zu warten. Deshalb sind Mechaniker mit Spezialkenntnissen – wie der gelernte Karosseriebauer Theo Kavalierek und der Motorradrestaurator Mike Kron – das operative Rückgrat einer solch umfangreichen Sammlung. Für ein komplett aufzuarbeitendes Auto rechnen die Spezialisten gut 700 bis 1200 Arbeitsstunden, für die Vollrestaurierierung eines Motorrades werden 200 bis 350 Stunden benötigt.

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