HIGH LIFE Heft 8 | 2005

Fawaz Gruosi
Alchemist der Uhrmacherei

Können Sie sich vorstellen, dass die renommiertesten Uhrensammler der Welt eine neue Uhr bestellen, die immerhin 350 000 Schweizer Franken kostet, ohne sie zuvor live gesehen zu haben ? Unglaublich, aber wahr! Dieses Meisterstück ist Fawaz Gruosi, Inhaber von de Grisogono, gelungen, der die limitierte Auflage von fünfzig  Exemplaren seiner neuen Komplikation OCCHIO RIPETIZIONE MINUTI bereits fast vollständig bis zur offiziellen Weltpremiere verkaufte.

TEXT: THOMAS KLOCKE | FOTOS: YDO SOL

 „SORRY TO KEEP YOU WAITING, I just received a phone-call from Hong Kong, they ordered four Occhio Minute Repeaters, we have sold now 32 pieces from the limited edition of 50.“ Wir sitzen in opulenten Couchgarnituren im Empfangssalon der Villa „Les Mélèzes“, dem privaten Domizil von Caroline Gruosi-Scheufele, Vizepräsidentin und Millionenerbin der Chopard-Dynastie, und ihrem Gatten Fawaz Gruosi, der uns an diesem kalten Januartag verständlicherweise wohlgelaunt begrüßt.

Das Anwesen ist ein Traum: hoch über dem Genfer See gelegen und von einem riesigen Park umgeben, genießt man von hier einen atemberaubenden Ausblick auf den See, der uns heute mit seinen sturmgepeitschten Wellen bei Windstärke acht bis neun einen fast mystischen Anblick bietet. Das prachtvolle Waadtländer Haus aus den 50er Jahren erinnert an ein französisches Château, und auch die Einrichtung mit zahlreichen italienischen Antiquitäten aus dem 17. Jahrhundert und wertvollen Gemälden unterstreicht den noblen Schlosscharakter. Blickfang im Salon ist ein riesiger, schmiedeeiserner antiker Tresor.

Bewahrt hier Monsieur etwa seine Uhrensammlung auf? Das Geheimnis ist schnell gelüftet: der Tresor versteckt lediglich einen Fernsehapparat, mit dem Fawaz seine geliebten Fußballspiele der italienischen Liga verfolgt. Caroline Gruosi-Scheufele begrüßt uns ebenfalls verbindlich, ist aber schon auf dem Sprung nach Paris zu den Haute-Couture-Schauen, ein Event, bei dem Chopard, die Schmuckmarke der Stars und des Jetset natürlich nicht fehlen darf. Doch kommen wir noch einmal auf Monsieurs gute Laune zurück: Am Abend vor unserem privaten Besuch fand im Bâtiment des Forces Motrices, einem historischen Wasserkraft- und Elektrizitätswerk an den Ufern der Rhòne im Zentrum von Genf, die Weltpremiere seiner jüngsten Uhrenkreation statt, der „Occhio Ripetizione Minuti“, ein uhrmacherisches Meisterwerk der absoluten Spitzenklasse.

Das aufregend Neue an dieser Armband-Minutenrepetieruhr mit Glockenspiel ist ein Weltpatent von de Grisogono: Nach dem Prinzip der Spiegelreflexkamera, die eine Szene durch kurzzeitiges Öffnen des Verschlusses auf den Film bannt, besitzt die Occhio Ripetizione Minuti eine zwölfteilige Blende, die während des Glockenspiels den Blick auf das Werk freigibt. Dann schließt sie sich wieder und entzieht den kostbaren Mechanismus indiskreten Blicken. Dem Betrachter verschafft dieser wundersame Augenblick einen seltenen Genuss.

 Viel feiner und robuster als bei Fotoapparaten, besteht die Blende, die in geschlossenem Zustand gleichzeitig als Zifferblatt dient, aus 12 Keramikklappen. Beim Auslösen der Minutenrepetition öffnen sich die 12 Klappen gleichzeitig, um sich nach den Schlagen von Stunden, Viertelstunden und Minuten auf drei Tonfedern sofort wieder zu schließen. Während der Schlagdauer  genießt der Träger die Schönheit und die Finishqualität des exklusiven Uhrwerks, das aus 414 Teilen, davon 37 Rubinen, besteht. Mit ihrem 43,6 mm breiten und 14,1 mm hohen Gehäuse ist diese ultimative Komplikation ein wahres Schatzkästchen für eine hochkomplexe Mechanik. Ganz im Geiste von de Grisogono und wie bei allen Uhren des Hauses, geht das Gehäuse in zwei bewegliche Bandanstöße über, die sich der Anatomie jedes Handgelenks anpassen. Eine kreisrunde Lünette mit Stufenprofil nach innen lenkt den Blick automatisch auf das Herz des Uhrwerks. Die Occhio Ripetizione Minuti ist in den zwei Versionen 18 Karat Rotgold oder geschwärztes Weißgold und Platin erhältlich. Lünette, Mittelteil und Boden dieser Version sind in 18 Karat Weißgold, das nach einem Spezialverfahren geschwärzt wurde, während die Bandanstöße, die Krone und der Schlagwerkhebel in Platin gearbeitet sind. Die erste wirkt klassisch-zurückhaltend, die zweite sportiver und dynamischer. Der Erfolg dieser völlig neuartigen Minutenrepetition, die immerhin einen stolzen Preis von 350.000 Schweizer Franken hat, dokumentiert eindrucksvoll das Gespür von Fawaz Gruosi für Außergewöhnliches, seine einzigartige Kreativität, die verbunden ist mit einem unerbittlichen Streben nach Perfektion.

Der Sohn eines libanesischen Vaters und einer italienischen Mutter wurde 1952 geboren. Seine Kindheit verbringt er in Florenz, der Stadt der Kunst, des Geschmacks und der Ästhetik, die ihn entscheidend prägt. Er beginnt seine Ausbildung, zunächst als Verkaufsgehilfe bei einem renommierten einheimischen Goldschmied. Mit 25 Jahren macht er sich nach London auf, wo sein Arbeitgeber eine Boutique eröffnet. Er fängt als Consultant an, wird aber schnell zum Direktor ernannt. Vier Jahre später wird die Familie Alizzera auf ihn aufmerksam, die die offizielle Vertretung von Harry Winston hat. Sie bietet Fawaz an, als ihr Agent in Saudi-Arabien tätig zu sein, eine Herausforderung, auf die der junge Unternehmer nur gewartet hat. Nach drei erfolgreichen Jahren kommt er nach Europa zurück, wo er der Vertraute von Gianni Bvlgari in der Bvlgari Precious Trading Group wird. Hier hat er Zugang zu den allerneuesten Schmuckkollektionen, die er weltweit verkauft.

Als Gianni Bvlgari 1993 das Familienunternehmen verlässt, beschließt Fawaz, sich selbständig zu machen und gründet ohne jede Strategie de Grisogono. Doch schnell löst er mit seinen eigenwilligen und beispiellos kreativen Schmuckstücken wahre Begeisterungsstürme aus. 1996 stößt Fawaz in einem Buch auf eine Abbildung eines schwarzen Steins von 190 Karat, der eine seltene, geradezu unheimliche Schönheit ausstrahlt: der „Black Orlov“. Als wissbegieriger Gemmologe erfährt er, dass es sich um einen schwarzen Diamanten handelt, dessen rabenschwarze Farbe und geheimnisvolle Erscheinung auf kleinsten Einschlüssen, also Fehlern, beruht. Er ist so selten und so schwer zu schleifen, dass er sich in den 30er Jahren im Kunsthandwerk zunächst großer Beliebtheit erfreute, bis sich die Fachwelt von ihm abwandte und ihn schlichtweg vergaß. Doch die Intuition des Gründers von de Grisogono war geweckt, und so machte sich Fawaz auf den Weg und besuchte fast alle Diamantenminen der Welt, um hier eine große Anzahl der schönsten schwarzen Diamanten zusammen- zutragen. Mit seiner ersten Kollektion löste er nahezu eine Revolution in der Welt der Edelschmuckmacherei aus und so wurde der schwarze Diamant zum eigentlichen Markenzeichen von de Grisogono. Und nur drei Jahre nach seiner Lancierung erreichte der Karatpreis des schwarzen Diamanten auf dem Edelsteinmarkt ungeahnte Höhen. Heute zieren sie Colliers, Ringe oder Armbänder. Der pechschwarze Stein ergibt zu exklusiven Perlen, tiefroten Rubinen, sattgrünen Smaragden oder weißen Diamanten einen traumhaften Kontrast.

Beflügelt vom großen Erfolg seiner Schmuckkollektionen, beginnt Fawaz im Jahre 2000 mit der Uhrmacherei. Seine erste Uhr, die Instrumento No Uno, ist eine mechanische Uhr mit automatischem Aufzug, die zwei Komplikationen bietet, die bis dahin noch nie in einer Uhr vereint waren: eine zweite Zeitzone und ein Großdatum bei 7:30 Uhr. Ein Jahr später folgt die um 15 % im Format verkleinerte Instrumentino und 2002 die Instrumento Doppio, die durch ein sehr außergewöhnliches Gehäusewendesystem gekennzeichnet ist. Mit nur einem Uhrwerk werden hier zwei nützliche Komplikationen auf zwei entgegengesetzten Zifferblättern angezeigt: das Großdatum (in einem Doppelfenster) und eine zweite Zeitzone. Das Chronographenzifferblatt zeigt Stunde und Minute, die Chronographenfunktionen sowie das mühelos ablesbare Großdatum in einem Doppelfenster bei 12 Uhr an. Auf der anderen Seite erscheint das Zifferblatt für die zweite Zeitzone, mit analoger Stundenanzeige. Ein verblüffender Anblick, denn das Zeigerwerk führt durch die Schwingmasse, die das automatische Werk aufzieht. Die beiden Analoganzeigen stützen sich dabei auf ein einziges Werk mit nur einem Federhaus. In logischer Konsequenz folgt 2003 die Instrumento Doppio Tre mit drei Zeitzonen, zwei auf einem Zifferblatt und eins auf der Gegenseite. Ein mechanisches Wunder, denn alle Anzeigen stützen sich auf ein einziges Werk mit nur einem Federhaus. Eine weitere Innovation ist die Instrumento Tondo, die mit der reizvollen Wirkung zweier verschieden ausgerichteter Ovale spielt. Das eine, das Oval des Gehäuses, liegt horizontal auf der Achse 3–9 Uhr. Das zweite, gebildet vom Zifferblatt, verläuft vertikal von 6 nach 12 Uhr.

In nur fünf Jahren hat Fawaz Gruosi seine Uhrensparte beachtlich ausgebaut. Nach 300 Uhren, die im ersten Jahr gefertigt wurden, sind für 2005 bereits 5 000 Stück geplant. Im Zuge dieser Entwicklung wurde eine eigene Uhrenfabrikation in Planles-Ouates aufgezogen. Vom Konzept bis zur Erstellung der technischen Unterlagen werden hier sämtliche Aufgaben abgewickelt. De Grisogono verwendet Basisuhrwerke von ETA, die sich als höchst zuverlässige Aggregate erwiesen haben, versieht sie jedoch mit Komplikationen in Form von Zusatzmodulen, die von den Konstrukteuren des Hauses eigenständig entwickelt werden. Seit fünf Jahren sind diese Eigenentwicklungen Gegenstand vielfältiger Patentanmeldungen. Die Pretiosen von de Grisogono werden über ausgewählte Juweliere und in zwölf eigenen Boutiquen in Genf, Gstaad, Hongkong, Kuweit, London, Paris. Porto Cervo, Rom, St. Moritz und Moskau vertrieben. Die neueste Shop-Eröffnung fand Mitte Dezember 2004 in der noblen Madison Avenue in New York statt.

www.degrisogono.com

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