HIGH LIFE Heft 6 | 2004
Ein Leben im freien Fall
Vom Fallschirmspringer zum Pionier der Luftfahrt
Von weltweit 200.000 Fallschirmsportlern springen 800 nicht aus Flugzeugen, sondern von "B"uildings (Gebäuden), "A"ntennas (Fernsehtürmen), "S"pans (Brücken) und "E"arth, womit Berge gemeint sind. Diese Extremathleten nennen sich B.A.S.E,-Jumper. König dieser Disziplin ist der Österreicher Felix Baumgartner, der mit seinen Aerial Stunts für weltweites Aufsehen sorgt.
Ein Bericht von Peter Unger
Der 35-jährige Salzburger hält im B.A.S.E.-Jump zwei Weltrekorde: jenen für den Sprung vom höchsten Gebäude der Welt, den 452 Meter hohen Petronas Towers in Kuala Lumpur, und jenen für den tiefsten B.A.S.E.-Jump aus nur 29 Metern Höhe von der Hand der Christusstatue in Rio de Janeiro - beide im Jahre 1999 aufgestellt. Sein bisher ehrgeizigstes Projekt war im vergangenen Sommer die Überquerung des Ärmelkanals - ausgestattet mit nur einem High-Tech-Flügel aus Kohlefaser und zwei kleinen Sauerstoffflaschen. Mit der Überquerung des Ärmelkanals, einer echten Pionierleistung, reiht sich Felix Baumgartner "als erster fliegender Mensch" nahtlos in die Kette derer ein, die mit spektakulären Aktionen Luftfahrtgeschiechte geschrieben haben.
Angefangen bei André-Jacques Garnerin, dem ersten (1797) Fallschirmspringer, über die Brüder Wilbur und Orville Wright mit dem ersten wirklichen Flug einer "bemannten Flugmaschine" (1903) bis zu Charles Lindbergh mit dem ersten Alleinflug über den Atlantik (1927) - um einige der bedeutendsten zu nennen. Nicht zu vergessen Louis Blériot, dem am 25. Juli 1909 die erste Überquerung des Ärmelkanals gelang. Sein Flug dauerte 37 Minuten, der von Felix Baumgartner aus 10.000 Metern Höhe genau 6 Minuten und 22 Sekunden. Der Profi aus der Alpenrepublik erreichte dabei auf der Strecke zwischen Calais und Dover (35 Kilometer) Spitzen-geschwindigkeiten bis zu 360 Stundenkilometern. Felix Baumgartner: "Das war weltweit der längste freie Fall."
Angefangen hatte alles mit einem Anruf von zwei Münchner Technikstudenten, die einen starren, deltaförmigen Kohlefaserflügel von hundertfünfundvierzig Zentimeter Spannweite entwickelt hatten. Konstruiert hat ihn schließlich der 76-jährige Österreicher Rüdiger Kunz, weltweit einer der führenden Aerodynamiker. Kunz hat unter anderem an der Entwicklung des Eurofighters mitgearbeitet. Gebaut wurde der „Delta Wing III" mit schließlich 1,80 Meter Spannweite in der Salzburger Firma „Carbotech“, die auch Carbonteile für Formel-1-Renner und die Luftfahrtindustrie fertigt. „In den drei Jahren Vorbereitung bis zum eigentlichen Sprung habe ich dann noch viel über Aerodynamik gelernt“, erzählt Felix Baumgartner. „Außerdem haben wir wirklich bis zur letzten Stunde, in der wir zum Beispiel noch die Flügel beklebten, hart an diesem Projekt gearbeitet.“ Vorab wurde der Flügel in den unterschiedlichen Entwicklungsstufen vielfältigen Tests unterzogen.
Auf das Dach eines Porsche 911 geschnallt raste Baumgartner im Winter 2002/2003 über das Flugfeld des Salzburger Airports. Im Audi-Windkanal in Ingolstadt wurden die Daten für das Feintuning gewonnen.
Auf den übermenschlichen Stress hat Baumgartner auch seine Physis und seine Psyche mit wissenschaftlicher Akribie vorbereitet. Die Planung des Kraft- und Ausdauertrainings lag in den Händen von Leistungsdiagnostikern. Ein Weltraumwissenschafter war ebenso eingebunden wie die deutsche Luftwaffe, in deren Druckkabinen Baumgartner seine Widerstandskraft in extrem kalter Luft mit geringem Sauerstoffgehalt überprüfte. Als Ergänzung zur Privatpilotenausbildung simulierte er in einem speziellen „Disorientation Trainer“ das Verhalten in Situationen, die als die gefährlichsten gelten: jene, in denen der Pilot die Orientierung zu verlieren droht. Doch selbst unter perfekten Bedingungen waren die technischen Anforderungen extrem hoch: Baumgartner musste den 35 Kilometer breiten Ärmelkanal im „freien Fall“ überwinden. Das bedeutet, dass er bei einer Absprunghöhe von 10 000 Metern pro gefallenem Meter sechs Meter Wegstrecke überwinden musste, um rechtzeitig den Fallschirm öffnen und sicher auf Festland landen zu können. Die Geschwindigkeit, mit der Baumgartner durch die Minus 55 Grad kalte Luft über den Kanal raste, betrug am Anfang etwa 360 Stundenkilometer, später – aufgrund der höheren Luftdichte – 220 Stundenkilometer. Weite Teile seines Körpers waren aerodynamisch verkleidet, auf seinem Rücken der Flügel geschnallt.
Er selber hatte sich in einen Spezialanzug gezwängt, mit zwei kleinen Sauerstoffgeräten und einem Transponder ausgerüstet, der ihn auf den Radarschirmen der Flugsicherung erkennbar machte wie ein Linienflugzeug. „Zum ersten Mal könnte ich sterben, wenn jemand anderer einen Fehler macht“, gibt Felix Baumgartner seine Gedanken während der Channelcrossing-Phase preis. Am 31. Juli 2003 springt Baumgartner dann kurz nach Sonnenaufgang aus dem Flugzeug. Um Sechs Uhr fünfzehn – genau nach dreihundertzweiundachtzig Sekunden – ist der Flug erfolgreich abgeschlossen, segelt Baumgartner aus 1.300 Metern Fallhöhe auf die Küste von Calais zu. „I can see you, I can see you all“, stößt er Schreie des Triumphes und der Erlösung aus. Lohn der Pioniertat, die in Windeseile als Top-News um den Erdball geht, sind Auszeichnungen („Rolls Royce Award 2003“), Ehrungen und in diesem Zusammenhang die Begegnung mit berühmten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte – etwa mit Schauspieler Dennis Hopper („Easy Rider“), mit Frank Williams (Formel-1-Teamchef von BMW-Williams) und Buzz Aldrin (Mondgänger mit Apollo 11) oder Muhammad Ali, dem größten Boxer aller Zeiten und Idol aus Jugendtagen (Baumgartner hat früher selber geboxt.). Das Foto von der Ärmelkanalüberquerung landet auf dem Titel von einem Drittel aller Zeitungen auf der ganzen Welt. In 30- bis 50-Sekunden-Spots berichten die TV-Sender – das macht schließlich eine Präsenz von über 120 Stunden in den Weltnachrichten aus. In einer zweiten Medienwelle folgt ein einstündiges STERN-TV-Porträt und auch das ZDF berichtet ausführlich über die Pioniertat des Salzburgers. „Wirklich gerührt“ hat ihn die Einladung von Emile Lahoud, dem libanesischen Staatspräsidenten, der ihn in den Präsidentenpalast geladen und ihn der versammelten Ministerschar vorgestellt hat.
Doch was ist das für ein Mensch, der den Mut aufbringt, von fahrenden Fahrzeugen, Brücken, und Hochhäusern zu springen und nur mit einem Flügel bekleidet den Ärmelkanal überquert? Zunächst beeindruckt seine physische und geistige Präsenz: wache Augen, ein top-durchtrainierter Körper, schnelle Auffassungsgabe gepaart mit rhetorischer Stärke. Im Gespräch gewährt Baumgartner Einblicke in die Psyche eines Menschen, der ein akribischer Arbeiter, versierter Techniker und mit überragenden Talenten ausgestatteter Perfektionist ist, und zudem gekonnt die Medien als Podium für seine spektakulären Aktionen und zur Steigerung seiner weltweiten Popularität nutzt. So bat ihn Ron Wood, Gitarrist der Rolling Stones, anlässlich des „World Sports Award“ um ein Autogramm. Baumgartner war in der Kategorie Extremsport nominiert. Ron Wood lachend zu Felix Baumgartner: „Meine Tochter ist ein großer Fan von dir. Die liebt solche Spinner.“ Wenn sie Baumgartner näher kennen lernen würde, müsste sie ihr Bild gründlich revidieren, wie so mancher, der vorurteilsbelastet in dem sportiven Springer nur den Glücksritter sieht, den der Nervenkitzel reizt. Dafür sind seine Aktionen viel zu perfekt durchdacht und vorbereitet.
„Sich bei einem Sprung auf das Glück zu verlassen wäre fahrlässig und unprofessionell. Erst wenn ich wirklich für das kleinste Problem die bestmögliche Lösung gefunden habe, bin ich bereit zum Absprung“, sagt Felix Baumgartner, den das HIGH-LIFE-Team Mitte Juli im „Hangar-7“ auf dem Salzburger Flughafen zu einem mehrstündigen Gespräch traf. Baumgartner, ein durchtrainierter Modellathlet, berichtet brandaktuell von einer seiner letzten Großtaten, dem Sprung von der höchsten Brücke der Welt, am 27. Juni 2004 um 7.02 Uhr in der Früh. Ein exzellentes Beispiel dafür, wie akribisch der Ärmelkanalüberquerer seine Aktionen vorbereitet. Die Idee dazu kam ihm auf dem Rückflug aus Hollywood („World Stunt Award“), beim Blättern in der Tagespresse. Da wurde ein über 340 Meter hohes Bauwerk, die Brücke über den Tarn vorgestellt, die im Dezember diesen Jahres für den Verkehr frei gegeben werden soll. Unweit der Stadt Millau, rund 120 km westlich von Avignon, im Südwesten Frankreichs gelegen, wurde im Dezember 2001 mit den Bauarbeiten zu diesem imposanten Brückenbauprojekt begonnen. Nach Entwürfen des englischen Stararchitekten Lord Norman Foster (u. a. Reichstag Berlin, seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestages) entsteht hier eine 2.460 Meter lange Brücke, die das Tal des Flusses Tarn in acht Feldern überspannt.
Insgesamt sieben, zwischen 78 und 245 m hohe Stahlbetonpfeiler tragen den 32 m breiten stählernen Überbau mit trapezförmigem Kastenquerschnitt und die zur Aufnahme der Schrägseilkonstruktionen dienenden Stahlpylone. Nach dem höchsten Bauwerk der Welt wäre die höchste Brücke der Welt eine schöne Ergänzung, dachte sich Baumgartner, zumal auch die Bewachung der Brücke nicht so stark sein würde, wie bei den Petronas Towers. Generell gilt, dass nach dem 11. September 2001 Bauwerke jeglicher Art wesentlich strenger kontrolliert werden, da sie jederzeit Ziel eines terroristischen Anschlages werden können. Damit mir niemand zuvorkommt, muss ich’s gleich machen, sagte er sich. „Ich habe dann vier Flüge für meine Kameraleute und Fotografen nach Toulouse gebucht“, erzählt Baumgartner weiter. „Wir sind dann um 1.00 Uhr nachts angekommen und haben sogleich die Brücke ausgekundschaftet – wo ist der Landeplatz, wo sind die besten Möglichkeiten zum Aufstieg, die idealste Kameraposition?!“ Da die Brücke am Anfang und Ende stets gut bewacht wurde, kletterte der 73 Kilogramm leichte und 1,72 Meter große Baumgartner mit Fallschirm, etwa 10 Kilo schwer, und Fotoapparat einen dieser Stützpfeiler hoch, um dort – unterhalb der Brücke – die Nacht zu verbringen. Da auf der Brücke in Dreierschichten gearbeitet wird, und sie deshalb sehr gut beleuchtet ist, ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen. „So lebt man ständig mit der Angst, erwischt zu werden“, berichtet Baumgartner, der technisch so perfekt ausgestattet ist, dass selbst James Bond neidisch werden könnte. Nach dreistündigem Schlaf und ständigem Kontakt mit den Kameraleuten per SMS (um jegliche Geräusche zu vermeiden) war dann gegen 7.00 Uhr das Licht optimal, um die Aktion auch ideal im Foto und mit laufenden Bildern fest zu halten. „Das ist halt das Schwierige an meinem Job. Ich bin nicht nur B.A.S.E.-Springer, sondern möchte auch gleichzeitig bestes Film- und Fotomaterial bekommen“, sagt Baumgartner. „Deshalb müssen wir auch immer den richtigen Zeitpunkt abwarten.“
Ein „normaler“ B.A.S.E-Jumper springt eher im Schutze der Dunkelheit oder im Morgengrauen, um garantiert nicht erwischt zu werden. Neben dem Sprung und der optimalen Tageszeit gilt Baumgartners Augenmerk besonders dem Wind als wichtigstem Faktor beim Sprung. Bei all seinen spektakulären Aktionen, die akribisch bis ins kleinste Detail vorbereitet waren, musste auf die Sekunde genau alles abgestimmt sein: Wind, Licht, Kamerateams, eine „hoffentlich“ funktionierende Technik und Ausrüstung, die persönliche Einstimmung auf das Ereignis – nur so können aus seinen Sprüngen atemberaubende und einzigartige Events werden. Felix Baumgartner präsentierte sich uns als ein Mann der absoluten Perfektion, mit dem unbändigen Mut über Grenzen hinauszugehen.
HIGH LIFE-Buchtipp:
Thomas Schrems
Projekt Ikarus
Felix Baumgartner – ein Leben
zwischen Himmel und Erde
Niederösterreichisches Pressehaus
Wien 2003
ISBN 3-85326-102-7
207 Seiten
Euro 21,90
FELIX BAUMGARTNER
Aerial Stunts Worldwide
Assistant: Dagmar Schindler
Office: Guetratweg 8
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Mobil: +43 / 6 64 / 4 33 25 55
Telefon/Fax: +43 / 6 62 / 62 88 32
E-Mail: info@felixbaumgartner.com
Internet: www.felixbaumgartner.com
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