HIGH LIFE Heft 3 | 2003
James Purdey & Sons
Londons große „Gun & Rifle Makers“
In Purdeys Werkstatt in West London entstehen Jagdwaffen, die passionierte Jäger und Sammler für die besten der Welt halten. Die Roharbeit leisten computergesteuerte Maschinen. Für die Feinarbeit kommt gefeilteste Handwerkskunst zum Einsatz.
Text: Günter Ned | Fotos: Klaus Lorke
Wenn Sie mit einer Flinte schießen, also auf Ziele, die sich schnell bewegen, Moorhühner zum Beispiel, ist es absolut wichtig, dass Ihre Waffe eine optimale Balance hat. Deshalb setzen wir schrecklich viel Arbeit daran, die richtige Balance zu kriegen. Das ist immer eine Sache von Gewicht wegnehmen, Gewicht dran lassen, Gewicht ansetzen, und das geschieht mit sehr, sehr viel Sorgfalt. Menschen, die mit einer Purdey zur Jagd gehen und die von Purdeys etwas verstehen, sagen: Nichts anderes gibt so ein Gefühl der Balance. Es ist genauso, wie wenn jemand sagt: Es gibt ein Gefühl, das hast du nur hinter dem Steuer eines Ferrari. Und sagen Sie mir nicht, das sei nichts Besonderes. Es ist etwas Besonders. Denn es steckt ein ganzer Stammbaum darin: Diese Kunstfertigkeit, diese Kenntnisse, dieses Know-how haben viele Generationen entwickelt. Darum geht es.
Wer da über das Nonplusultra der Jagdgewehre spricht, über die Flinten und Büchsen von James Purdey & Sons, das ist der heutige Chairman Richard Purdey. Er präsentiert die sechste Familiengeneration. Wir stehen im Long Room von Audley House. Richards Ururgroßvater James Purdey, der Sohn des Gründers, war mit der Firma 1882 hierher, in den Londoner Stadtteil Mayfair, gezogen. Der Gründer selbst, James Purdey senior, ist auf dem goldgerahmten Ölgemälde an der Stirnseite zu sehen: grüner maßgeschneiderter Tweedanzug, üppig geschwungener weißer Schnurrbart, im Auge ein Monokel, in den Händen eine der berühmtesten Jagdwaffen der Welt, eine doppelläufige Purdey-Querflinte.
Begonnen hat James Purdey, der Vater, mit der Büchsenmacherei 1814 in der Nähe von Leicester Square. Als er zwölf Jahre später in die Qxford Street umzog – Zwischenstation vor der South Audley Street, wo der Firmensitz bis heute blieb – galt er bereits als einer der großen Büchsenmacher Londons. Die Zeit war schießtechnologisch revolutionär, und Purdey & Sons standen als Pioniere an vorderster Front. Als James, der Vater, das Geschäft startete, gingen gerade die Napoleonischen Kriege zu Ende. Da schoss man noch mit Steinschlosswaffen. Einige vierzig Jahre später, 1858, präsentiert James, der Sohn, die erste Kipplauf-Flinte, und 1880 begeisterte jene Erfindung die Kunden, mit der Purdey bis heute Geschichte schrieb und schreibt: die Kipplauf-Selbstspanner-Flinte mit Ejektor und Seitenschloss. Ihr Herzstück, die patentierte side by side action, also der berühmte Purdey-Doppellaufverschluss (die Schlagfeder hält eine Restspannung zurück, die das Kippen der Läufe erleichtert, beim Schließen rastet die so genannte Purdey-Nase in den entsprechenden Einschnitt der Basküle ein etc.), wird bis auf geringfügige Änderungen aktuell nicht anders gebaut als vor 120 Jahren.
Das bedeutet aber nicht, dass in der Purdey-Werkstatt die Neugier auf den technischen Fortschritt mit der Zeit versickert wäre, ganz im Gegenteil: Die Rohlinge, also zum Beispiel die Röhren für die Läufe oder das Gussstück für den Verschluss, werden heute von computergesteuerten Maschinen gefertigt (die Maschinenwerkstatt leitet ein Flugzeugingenieur). Modernste CAD- und CNC-Technologie kommt zum Einsatz. Wenn es dann aber um die Feinarbeit geht, wenn aus den Röhren Präzisionsläufe, aus dem Gussstück ein ausgetüftelter Verschlussmechanismus gefeilt werden soll, dann wird die Fabrik in Hammersmith in West-London, etwa zehn Kilometer vom Stammhaus entfernt, zur Manufaktur. Dann setzt Handarbeit in höchster Kunstfertigkeit ein – und mit der gleichen Mikropräzision, wie sie die Maschinen in ihrem Part leisten.
Fünf Jahre dauert die Ausbildung zum Büchsenmacher. Wer ausgelernt hat, ist ein hochqualifizierter Spezialist. Denn eine Flinte oder Büchse von Purdey wird natürlich nicht von einem einzigen Mann gemacht. Dreißig Mitarbeiter gibt es in Hammersmith, und das Büchsenmacherhandwerk selbst teilt sich in sieben verschiedene Einzelkünste auf: die Fertigung der Läufe, die Herstellung des Verschlusses, es gibt den Abzug- und Schlossmacher, den Ejektormacher, den Schaftmacher, die Graveure und schließlich die Kollegen, die für das finishing zuständig sind, die also die separat gefertigten Teile zum ganzen Gewehr zusammensetzen und dafür sorgen, dass es so präzise schießt, wie man das von einer Purdey-Waffe erwartet.
Bei jedem einzelnen Arbeitsgang hat Purdey Experten an der Werkbank stehen, die ihrer Profession mit tiefer Passion nachgehen. Wie sehr sie sich mit ihrer Arbeit identifizieren, zeigt unter anderem ein schönes Detail. Wie ein Maler sein Bild signiert, so punziert ein Büchsenmacher von Purdey das Werkstück, für das er zuständig ist, nach der Fertigstellung mit seinen Initialen. Kommt das Gewehr einmal zurück, zum Service oder für eine Reparatur, wird es von denselben Händen in Empfang genommen, die es hergestellt haben – vorausgesetzt der Besitzer der Hände ist dann noch am Leben.
Apropos Flinte und Büchse. Für Nichtjäger hier kurz der Unterschied: Bei einer Büchse (engl. rifle) ist der Lauf gezogen. Man gibt mit ihr pro Schuss nur eine einzige Kugel ab, erlegt damit Keiler, Rehe, Hirsche u. ä. Bei der Flinte (engl. gun) ist der Lauf glatt. Geschossen wird mit Schrotpatronen, pro Schuss mit etwa 500 kleinen Bleikugeln, und zwar auf „Ziele, die sich schnell bewegen“, vorzugsweise auf Wildgeflügel, also Rebhühner, Fasane, Stockenten etc. '
Purdeys „Gun & Rifle Makers“ fertigen etwa 75 Gewehre pro Jahr. Vielleicht fünf davon sind Büchsen, zum Teil mit original Mauserverschluss, also einläufig, zum Teil doppelläufig. Der Rest, die überwiegende Jahresproduktion, besteht aus Flinten, ziemlich genau zur einen Hälfte aus Querwaffen (die Läufe liegen side by side), zur anderen aus Bockwaffen (die Läufe sitzen over and under ). Die Bockflinten sind eine Weiterentwicklung des Woodward-Patents von 1913. Purdey kaufte Woodward & Sons im Jahr 1949.
Purdeys Neupreise (es sind immer auch gebrauchte Gewehre auf Lager) liegen bei den Rifles zwischen £ 17:500,– (Büchse mit Mauser-Verschluss) und 94:000,– (großkalibrige Kipplauf-Doppelbüchse) und bei den Guns zwischen £ 46 000,– und 62 200,–, für die Standardausführung wohlgemerkt. Extras, besondere Gravuren zum Beispiel, kommen dazu.
Warum sind Purdey-Gewehre so immens teuer? Der saalähnliche Long Room von Audley House, in dem Chairman Richard Purdey die Frage beantwortet, ist heute wie in vergangenen Zeiten der Raum, in dem die Kunden empfangen werden – und zugleich ein kleines Purdey-Museum. Unter vielen anderen Memorabilien ist eine feine Kollektion historischer Purdey-Flinten und -Büchsen ausgestellt, und natürlich immer wieder Bilder von Mitgliedern der königlichen Familie. Purdey ist Hoflieferant seit 1838. Damals kaufte Queen Victoria ein Paar der besten Purdey-Flinten, dazu einiges an Accessoires.
Richard Purdey: „Teuer, sicher. Aber sehen Sie: Die große Mehrheit unserer Gewehre sind Maßanfertigungen nach Auftrag. Das ist, wie wenn Sie sich in Savile Row einen Anzug schneidern lassen. Jedes Gewehr ist einzigartig, und nun denken Sie: 75 bis 80 Gewehre im Jahr, das ist nicht viel. Es braucht 600 Stunden, um eine Flinte herzustellen, und Sie haben eine Vorstellung davon bekommen, wieviel Handwerkskunst in dieser Arbeit steckt. Unsere Gewehre waren nie billig, aber sie funktionieren sehr, sehr gut, und die Klientel war immer zufrieden.“
Wer sind die Kunden heute? „Jäger und Sammler. Bei den Sammlern sind die Amerikaner führend. Das Sammeln ist immer beliebter geworden und es hat die Schönheit der Flinten immer wichtiger gemacht. Wir bauen heute Flinten, die sozusagen als Leinwand für die Kunst der Gravierung dienen. Bei den 600 Arbeitsstunden ist nämlich die Zeit für den Graveur oder die Graveurin noch nicht inbegriffen. Graveure sind gefragte Künstler, viele sind berühmt. Und wenn Sie bedenken, dass eine Gravur je nach Aufwändigkeit – vielleicht wünscht der Kunde spezielle Bildmotive, vielleicht will er eine Ausführung mit Gold-Intarsien – drei bis sechs Monate dauert, dann verstehen Sie: Künstler sind nicht sehr produktiv.“
Internet: http://www.purdey.com/
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